Peter
Simonischek
wurde
am 6. August 1946 in Graz geboren, besuchte im Konvikt St. Paul im Lavanttal die
Schule, danach die Akademie für Musik und darstellende Künste in Graz,
trat im Grazer Schauspielhaus auf, danach in St. Gallen, Bern und Düsseldorf.
In der Folge ging mit dem Engagement an die Berliner Schaubühne, wo er 20
jähre blieb, ein Lebenstraum in Erfüllung. 1999 holte ihn Klaus Bachler
ans Burgtheater (Antrittsrolle: "John Gabriel Borkman"), wo er sich
inzwischen ebenfalls als Publikumsmagnet etabliert hat. Seit 26. August 1989 ist
er mit Kollegin Brigitte Karner verheiratet, die er bei den Dreharbeiten zur TV-Produktion
"Lenz oder Die Freiheit" kennen lernte.
Jedermanns Auftritt
In
der Television ist er im zweiten "Polt "-Bildschirmkrimi " Blumen
für Polt" an der Seite von Erwin Steinhauer zu sehen, in den heimischen
Kinos läuft der Film "Gebürtig" an, in dem er die zentrale
Rolle verkörpert, und im Arsenal hat er am 27. April mit der Burgtheaterproduktion
"Letzter Aufruf" Premiere. Danach muss er sich langsam mit seinem großen
Sommerevent vertraut machen, denn der Steirer ist bekanntlich der neue "Jedermann"
der Salzburger Festspiele.
"Bei einem Krimi sollst ja nicht viel verraten",
erklärt er zu seinem "Polt"-Auftritt, "daher halt nur so viel,
dass ich ein Weinbauer bin, der an einer schweren Schuld trägt. Udo Samel,
der grandiose Franz Schubert aus Fritz Lehners "Mit meinen heißen Tränen",
wirkt auch mit, und das freut mich ganz besonders, weil wir ja miteinander in
Berlin bereits an die 300 Vorstellungen des unglaublichen Publikumshits .Kunst'
hinter uns haben und damit im September fünf Abende am Akademietheater gastieren."
Für
TV-Aufgaben hat Simonischek sonst wenig Zeit, schuld daran ist das Riesenpensum,
das er am Burgtheater zu spielen hat. Vor "Amtsantritt" am 1. September
1999 hatte er für SAT.1 gemeinsam mit Ehefrau Brigitte Karner (sie stammt
aus Völkermarkt) noch die Serie "Helicops" gedreht: "Zwei
Staffeln lang, und die Sache war sehr erfolgreich. Wegen meiner
Peter Simonischek
hat am 27. April mit "Letzter Aufruf" im Wiener Burgtheater Premiere.
Übersiedlung
nach Wien bat ich aber die Produzenten, mir einen .eleganten Ausstieg' zu erlauben."
Es
war nach der "Kirschgarten"-Premiere bei den Salzburger Festspielen
1995, als seine Frau fast prophetisch gesagt hatte: "Irgendwann willst sicher
nach Österreich zurück. Allein die Lebensqualität ..." Und
bald darauf war das Offert des Burg-Herrn Klaus Bachler da. Der Abschied von den
früheren Wirkungsstätten wurde in Zürich mit dem "Schwierigen"
und an der Berliner Schaubühne mit der genau 240. ausverkauften Vorstellung
von "Kunst" (seine jetzigen "Kunst-Gastspiele absolviert der Österreicher
im Renaissancetheater, wohin die Produktion übersiedelt ist) zelebriert:
"Ein Wahnsinn damals. Für uns drei Darsteller regnete es vom Schnürboden
runter weiße Rosen, und im Berliner Senat gab es wegen mir sogar eine Anfrage,
ob man diesen Schauspieler ziehen lassen kann. Empfand ich natürlich als
sehr schmeichelhaft."
Angebote aus dem Burgtheater gab es bereits in der
Ära Benning, aber: "Das war zu einer Zeit, als noch kein Grund bestand,
von der Schaubühne wegzugehen. Entscheidend waren letztendlich zwei Punkte.
Einmal mein 50. Geburtstag. Ich fragte mich damals: Schau ich mir langsam in Berlin
die Friedhöfe an oder in meiner Heimat? Und dann das Gespräch mit Klaus
Bachler, der mir glaubhaft versicherte, Jutta Lampe und ich seien auf seiner Wunschliste
für den Direktionsantritt an erster Stelle gestanden. Außerdem hatte
sich zu dieser Zeit in Berlin das Arbeitsklima sehr verändert. Das Schlagwort
dort hieß,neuer Anfang'. Wenn schon Neuanfang, hab ich mir gesagt, warum
nicht gleich in Wien?"
Mit "Weibi" Brigitte, einst Hauptakteurin
der Rademann-Serie "Donauprinzessin" und im kommenden Herbst an der
Josefstadt in der "Wildente" zu sehen, fand er eine wunderschöne,
geräumige Wohnung in der Wiener Innenstadt, und Sohn Benedikt (Jahrgang 1988,
neben ihm gibt's noch den fünfjährigen Kaspar und, aus einer früheren
Ehe, den 19-jährigen Max) konnte ganz schnell ein Traum erfüllt werden:
"Er singt sehr schön, und so wurde er in Berlin Mitglied des Domchores.
Wir dachten nach, was denn in Wien möglich wäre, und kamen -logisch
- auf die Sängerknaben. Man hat uns schnell entmutigt: Die stellen so hohe
Ansprüche, nur ein geringer Prozentsatz der Bewerber schafft es und so weiter.
Trotzdem durfte er Ende Jänner 1999 zum Vorsingen, und nach einer Stunde
stand fest, dass er akzeptiert war. Inzwischen ist er mit dem Chor fleißig
unterwegs, zuletzt waren s' in Malaysia." Und schnell eingewöhnt hat
sich der Herr Sängerknabe auch: Drückte er an der Spree noch für
Hertha BSC die Daumen, so schlägt sein Herz jetzt für Sturm Graz.
Ludwig
Heinrich Tele, Presse 4.4.2002
Landgendarm
Polt (7.4. 20.15, ORF 2) von Matthias Greuling
Es
gibt Dinge, die ändern sich nie. Etwa, wenn der gewichtige Landgendarm Simon
Polt (Erwin Steinhauer) mit seinem Dienstfahrrad durch die beschauliche Weinviertler
Landschaft radelt. Äußerst gemächlich natürlich.
Oder
auch die Lebenseinstellung von Autor Alfred Komareks Figuren in seinen Weinviertler
Kriminalfällen. "Trink ma was?", fragt ein Bauer, der dekorativ
vor seinem Weinkeller sitzt. "Mit dir immer gern", sagt Polt. In der
Ruhe liegt die Kraft.
BESTÄNDIGKEIT Bereits zum zweiten Mal ermittelt
Dorfpolizist Simon Polt heute, Sonntag, im ORF (20.15, ORF 2). Sein erster Einsatz
brachte ihm vor einem Jahr die Sympathie von 910.000 Zuschauern. Für seinen
neuen Fall "Blumen für Polt" wurde die Weinviertler Beständigkeit
auch auf das Filmteam übertragen: Regie führte, wie schon bei Teil eins,
Julian Roman Pölser, an der Kamera werkte erneut Fabian Eder an den malerischen
Landschaftsimpressionen, die dem Polt-Krimi ihren Rahmen geben. In weiteren Rollen:
Peter Simonischek, Udo Samel, Erni Mangold und Monica Bleibtreu.
"Alles
hier ist beschaulich und gemütlich", sagt Erwin Steinhauer, der als
Polt diesmal zwei rätselhafte "Unfälle" aufklären soll.
Und der "an einer Beziehung zu der Lehrerin Karin (Karin Kienzer) arbeitet",
verrät Steinhauer. "Aber wie das oft so ist im Leben: Manchmal ist eine
Beziehung schon zu Ende, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat".
Steinhauer
spricht da schon vom dritten Polt-Krimi, der im Sommer gedreht werden soll. Insgesamt
ist die ORF-Arte-Koproduktion auf vier Teile angelegt. "Die Krimis spielen
in den vier Jahreszeiten. ,Blumen für Polt' zeigt den Frühling, der
nächste spielt im Sommer". Thematisch passend auch die Musik: Vivaldis
"Vier Jahreszeiten" untermalen das ruhige Milieu der Weingegend.
Auch
der Wein hält, was er verspricht. "Leider konnten wir das beim Dreh
nicht ausprobieren, da muss man ja konzentriert arbeiten", seufzt Weinliebhaber
Steinhauer. "Die Bewohner im Pulkautal sind sehr gastfreundlich, und man
muss auf der Hut sein, dass man ned hocken bleibt in ihren Weinkellern",
lacht er.
Burgtheater-Mime Peter Simonischek zeigt sich auch "begeistert
vom Wein". Der Steirer, der in den letzten 20 Jahren in Berlin lebte, steht
nicht nur auf der Theaterbühne, sondern spielt derzeit auch im Film "Gebürtig"
(seit Freitag im Kino) einen ehemals vertriebenen jüdischen Komponisten.
Ein großer Unterschied zu seiner Rolle als Bauer im Polt-Krimi. "Das
ist so, wie wenn man Cremeschnitten und Matjesheringe vergleicht. Aber ich esse
beides sehr gern", versichert Simonischek.
Jon
Fosse: Traum im Herbst
Österreichische
Erstaufführung
Du wir wollen tief uns küssen -
Es geht eine Sehnsucht
durch die Welt,
An der wir sterben müssen.
Else Lasker-Schüler
Auf
einem Friedhof begegnet ein Mann einer Frau. Sie waren einmal ineinander verliebt,
haben sich aber nicht dazu bekannt. Sie ist dann in eine andere Stadt gezogen;
er ist inzwischen verheiratet und hat ein Kind. Sie ist nur auf einen kurzen Besuch
zurückgekehrt, aber direkt vom Flughafen auf den Friedhof geeilt. Sie empfinden
es als seltsam, einander gerade dort zu begegnen, und scheinen doch damit gerechnet
zu haben. Auch in der Entfernung waren sie sich nahe, hatten nachts oft das Gefühl
beieinander zu liegen. Jetzt will sie ihn mit in ihr Hotelzimmer nehmen oder gleich
hier auf dem Friedhof mit ihm schlafen.
Da erscheinen die Eltern des Mannes.
Sie sind zur Beerdigung der Großmutter auf den Friedhof gekommen. Der Mann
ist überrascht über das Zusammentreffen: er hatte seit Jahren keinen
Kontakt zu ihnen. Den hat seine Ehefrau aufrechterhalten; auch sie und seinen
Sohn hat er länger nicht gesehen. Die Mutter begrüßt die Frau
an seiner Seite als seine "neue Frau"; sie freue sich, sie endlich kennen
zulernen. Sie erzählt ihr von der ersten Frau des Mannes und dem inzwischen
volljährigen Sohn. Auch diese kommt zur Beerdigung, kann aber nur kurz bleiben:
der Sohn ist lebensgefährlich erkrankt...
In subtilen, kaum merkbaren
Übergängen schieben sich Stationen aus dem Leben des Mannes ineinander:
Begegnungen von Liebe und Tod. Der Ort bleibt derselbe, immer wieder treffen dieselben
Personen in verschiedenen Altersstufen aufeinander. Selbst die Zeit, die äußerlich
in großen Sprüngen dahineilt, vor- und zurückspringt, scheint
stillzustehen: Vergangenheit und Gegenwart überlagern einander, und als Zukunft
wartet der Tod.
Jon Fosse, norwegischer Schriftsteller, geboren 1959, lebt
in Oslo. Nach Romanen, Gedichten und Kinderbüchern gelang ihm in den letzten
Jahren der internationale Durchbruch als Dramatiker: u. a. mit "Der Name"
(1995), "Da kommt noch wer" (1996), "Das Kind" (1996), "Die
Nacht singt ihre Lieder" (1997), "Traum im Herbst" (1999). Gerade
ist sein Roman "Melancholie" auf deutsch erschienen.
Yoshi Oida,
japanischer Regisseur und Schauspieler, geht 1968 auf Einladung von Jean-Louis
Barrault nach Paris und wird Mitglied von Peter Brooks internationaler Theatertruppe.
Mit ihr spielt Oida auf den verschiedensten Bühnen der Welt, von Afrika über
Persien bis in die USA und Australien und immer wieder in Paris, wie z.B. in Brooks
"L'homme qui" nach Oliver Sacks und der Hamlet-Paraphrase "Qui
est là". Daneben arbeitet er mit Jerzy Grotowski, Peter Greenaway
und Eugenio Barba. Seit 1979 tritt er zunehmend mit eigenen Inszenierungen an
die Öffentlichkeit. In Hamburg führt Yoshi Oida bei zwei Stücken
in der Kampnagelfabrik und später am Thalia Theater, u.a. Brian Friels "Molly
Sweeney" (mit Annette Paulmann in der Titelrolle) und Camus' "Missverständnis"
Regie. An der Schaubühne Berlin inszeniert er "Das Jagdgewehr"
von Yasushi Inoue, "Madame de Sade" von Yukio Mishima und "Hanjô,
une variation théâtrale". Beim Internationalen Sommertheater-Festival
Hamburg 2000 präsentiert er sein Stück "Interrogations - Words
of the Zen Masters" und am Berliner Haus der Kulturen der Welt "Die
Zofen", eine Ballettversion nach dem Stück von Jean Genet (2001).
Mit:
Annemarie Düringer, Brigitta Furgler, Annette Paulmann; Wolfgang Gasser,
Peter Simonischek
Premiere am 18. Oktober 2001 im Akademietheater
Spieldauer:
1Stunde 30Minuten
Besetzung
Mann - Peter Simonischek
Frau - Annette Paulmann
Mutter
- Annemarie Düringer
Vater - Wolfgang Gasser
Gry - Brigitta Furgler
Regie
- Yoshi Oida
Ausstattung - Stefan Hageneier
Dramaturgie - Wolfgang Wiens
Kritiken
zu diesem Stück:
So komprimiert, lakonisch und mitleidlos klar schreibt
im gegenwärtigen Theater nur Jon Fosse. In seiner Todesmeditation "Traum
im Herbst" begleitet jeden Satz das bange Gefühl, er könne der
letzte sein. [...] Fosse balanciert an der Grenze des Sagbaren.
(Süddeutsche
Zeitung, 20. 10. 2001)
Regisseur Yoshi Oida überhöhte das Geschehen
in einen magischen Realismus, der einen in seinen faszinierenden Bann zieht. Entrückt
und beklemmend nah zugleich ist dies herbstliche Traumwelt.
(Profil 22. 10.
2001)
Im Spiel von Peter Simonischek (Mann), Annette Paulmann (Frau), Annemarie
Düringer (Mutter), Wolfgang Gasser (Vater), Brigitta Furgler (Ex-Frau) erklingt
eine Sonate: bitter, komisch altbekannt - als würden die Phrasen unserer
Furcht, unserer Sehnsucht und unserer Ausweglosigkeit in einem Spielgelbild zuürckgeworfen.
(OÖN,
20. 10. 2001)
Aus dem Ensemble [...] ragt, nicht unerwartet, Peter Simonischek
hervor. Er spielt den Mann ganzkörpergestisch als gebrochenen Zauderer, vom
Verlust ohnehin nie erlebter Liebe fast kindlich brutal geworden. Dass er der
Figur auch komische Aspekte abringt, spricht für die große Handwerkskunst
Simonischeks.
(Kleine Zeitung 20. 10. 2001)
Ein Kabinettstück besonderer
Art gelingt Annemarie Düringer sprachlich, gestisch und mimisch als dominante,
ihre zuckersüßen Bosheiten wie Giftpfeile abschießende Mutter.
[...] Stürmischer Applaus für Autor, Regisseur und Ensemble bewies,
dass es das Publikum zu schätzen wusste.
(Wiener Zeitung 22. 10. 2001
Hugo
von Hofmannsthal JEDERMANN
"In
dem mittelalterlichen Spiel vom Sterben des reichen Mannes Jedermann, in einem
Spiel, das alle himmlischen Geister bewegt und es dem Jedermann unmöglich
macht, nicht in den Himmel zu gelangen, hat Hofmannsthal sein Thema gefunden.
Ob
diese Auseinandersetzung noch zeitgemäß ist, das ist hier die Frage:
Der Mensch der Renaissance hat den Tod verdrängt, der des Barock hat ihn
zelebriert, er ließ sich sogar das eigene Begräbnis vorspielen.
Und
wir?
Wie gehen wir mit ihm um ?
Die Anwesenheit des Todes, sein Auftritt
auf dem Domplatz macht die Leute staunen. Macht er ihnen Angst ?
Das Stück
Jedermann kann nicht sterben, weil der Tod immer unser Begleiter sein wird und
uns nie entkommen lässt."
Nachdem der Salzburger Jedermann seit 18
Jahren unverändert in der Inszenierung von Gernot Friedel gespielt wurde,
erarbeitet Christian Stückl das "Spiel vom Sterben des reichen Mannes"
für die Saison 2002 neu.
Eine Laufbahn begann der gebürtige Oberammergauer
1981 mit dem Aufbau einer eigenen Theatergruppe, die u.a. Molières "Der
eingebildete Kranke", Georg Büchners "Woyzeck" oder "Was
ihr wollt" und den "Sommernachtstraum" von William Shakespeare
auf die Bühne brachte. 1987 wurde er Erster Spielleiter der berühmten
Passionsspiele seiner Heimatstadt, 1988 bis 1990 und 2000 übernahm er die
Regie der Leidensgeschichte. 1987 und 1988 war Christian Stückl Assistent
bei Dieter Dorn und Volker Schlöndorff an den Münchner Kammerspielen,
1991 kürte ihn die Zeitschrift "Theater heute" für seine erste
eigene Arbeit an dem renommierten Haus - der Uraufführung von Werner Schwabs
Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos - gleich zum "Nachwuchsregisseur
des Jahres 1991".
Bis 1996 fungierte der gelernte Holzbildhauer für
vier Jahre als Spielleiter an den Münchner Kammerspielen; Arbeiten aus dieser
Zeit sind zum Beispiel William Shakespeares Viel Lärm um Nichts, Christopher
Marlowes "Edward II.", die Uraufführung von Kerstin Spechts "Carceri"
sowie "Quai West" und "Roberto Zucco" von Bernard-Marie Koltès.
Auch in der Folgezeit sollten die Uraufführungen einen besonderen Stellenwert
im Schaffen von Christian Stückl einnehmen: Für Vladimir Sorokins "Dysmorphomanie"
am Schauspielhaus Wien erhielt der heute Vierzigjährige 1996 den Förderpreis
"Kainz Medaille" der Stadt Wien.
Martin Walsers "Kaschmir in
Parching" (1997), Daniel Calls "Herr Dainart", Martin F. Walls
"Pest 1633" (1998), Alexander Wiedners "Sergej" (1998) und
"Krumme Hunde" von Martin Bauck (1998) legen Zeugnis von der Vorliebe
Stückls für Zeitgenössisches ab. Aber auch Klassiker faszinieren
den Mann aus Oberammergau, und hier vor allem Shakespeare, 1994 sogar in Indien,
wo es einen "Indischen Sommernachtstraum" gab. Im April 2000 wurde Christian
Stückl zum Intendanten des Münchner Volkstheaters ernannt.
BESETZUNG
Inszenierung
- Christian Stückl
Bühne und Kostüme - Marlene Poley
Musik
- Markus Zwink
Jedermann - Peter Simonischek
Jedermanns Mutter - Christa
Berndl
Guter Gesell / Teufel - Tobias Moretti
Buhlschaft - Veronica Ferres
Glaube
- Sunnyi Melles
Tod - Jens Harzer
Marlene Poley
Bühne und Kostüme
Marlene
Poley wurde 1964 in St. Johann in Tirol geboren. Ihr Studium absolvierte sie zwischen
1983 und 1988 in der Meisterklasse für Bühnenbild und Filmgestaltung
an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien bei Erich Wonder und Axel
Manthey. Während ihres Studiums war Poley unter anderem als Assistentin für
den New Yorker Modeschöpfer Koos van den Akker tätig, wo sie auch Bühnenkostüme
für Billy Idol, Bill Cosby und Stevie Wonder anfertigte.
In der Saison
1988/1989 wirkte sie als Assistentin für Bühnenbild und Kostüme
an den Münchner Kammerspielen; dort lernte sie den Regisseur Christian Stückl
kennen - Auftakt einer langjährigen und umfassenden Zusammenarbeit, die u.a.
zu gemeinsamen Produktionen von Werner Schwabs "Volksvernichtung", Marie-Bernard
Koltès' "Quai West" und Marlowes "Edward II." führen
sollte.
Als freie Bühnen- und Kostümbildnerin blieb Poley den Münchner
Kammerspielen auch nach 1989 verbunden, nahm daneben aber weitere Gastengagements
an, so zum Beispiel an der Oper in Rouen.
Seit 1994 setzt sich Marlene Poley
intensiv mit Malerei und Objekten auseinander und wirkt regelmäßig
bei Ausstellungen in den Werkstätten 217 in München mit. 2001 war Poley
bereits für die Bühnen- und Kostümgestaltung der Uraufführung
von Felix Mitterers Stück "Michael Gaismayr" unter der Regie von
Christian Stückl bei den Volksfestspielen Telfs verantwortlich.
Markus
Zwink
Musik
Wie Christian Stückl stammt auch Markus Zwink, Jahrgang
1956, aus Oberammergau. Nach dem Abitur absolvierte er ein Studium der Schulmusik
am Mozarteum in Salzburg und an der Musikhochschule in München. Die Begegnung
mit Nikolaus Harnoncourt und seiner Auffassung der Historischen Aufführungspraxis
geriet für Zwink zum Initialerlebnis, das seine Ästhetik und interpretatorische
Arbeit fortan prägen sollte.
Seit 1984 ist er in seinem Heimatort musikpädagogisch
und organisatorisch tätig: Er leitet mehrere Chöre. Bis 1997 wirkte
er außerdem als Musiklehrer am Benediktinergymnasium Ettal, bevor er sich
ganz der Vorbereitung der Passionsspiele 2000 zuwandte, als deren musikalischer
Bearbeiter und Leiter er wesentlich zum Erfolg der Inszenierung beitrug.
Markus
Zwink begleitet seit vielen Jahren Christian Stückls Theaterproduktionen;
so wirkte er auch bei Aufführungen an den Kammerspielen München mit.
Bei ihrem letzten gemeinsamen Projekt schrieb er die Musik zu Felix Mitterers
Stück "Michael Gaismayr", das im Rahmen der Volksschauspiele Telfs
im Sommer 2001 uraufgeführt wurde.
Gebrochene
Figuren, hin- und hergeschoben: Ein Fernsehspiel
"Gebürtig",
die Verfilmung von Robert Schindels gleichnamigem Roman, bleibt in der Papierform
stecken.
Zu Beginn eine Brechung: Die Häftlinge, die vor den Baracken
eines Konzentrationslagers stehen, verlieren auf dem eisigen Boden den Halt; als
ein alter Mann nieder fällt, andere mitreißend, eilen die SS-Leute
herbei - und helfen ihm auf. Dann gibt einer der Soldaten, reichlich unerwartet,
dem Alten Feuer. Die Szene ist, wie sich bald herausstellt, freilich nur eine
Filmszene, nicht bloß wortwörtlich: Es handelt sich um die Szene zu
einem Film-im-Film. Ein weiteres Holocaust-Epos wird gedreht, der Blickwinkel
verschiebt sich aber über sein Set hinaus, auf das eines mutigeren Unterfangens:
Der Adaption von Robert Schindels Roman Gebürtig.
Schindel hat sich, gemeinsam
mit Lukas Stepanik, selbst an dieser Aufgabe versucht: Verschiebung und Brechung
sollen dabei Schindels assoziative Sprache ins Kino hinüberretten. Eine passende
Idee, zumal Gebürtig vor allem von gebrochenen Figuren erzählt und einiges
Originalmaterial hin- und herverschoben wurde, um die Vorlage auf Spielfilmlänge
zu verdichten, was sich nicht nur in seltsamen Verkürzungen niederschlägt,
sondern auch in einer Struktur, die weniger locker als launisch erscheint.
Heftige
Schuldgefühle
In der Waldheim-Ära, 1987: Eine Journalistin (Ruth
Rieser) versucht den Emigranten Gebirtig (Peter Simonischek) zu einer Reise ins
mittlerweile verhaßte Wien zu überreden, um gegen einen ehemaligen
KZ-Aufseher auszusagen, ein jüdischer Kabarettist (August Zirner) verdingt
sich als Komparse in einem Auschwitz-Film. Dort trifft er auf einen Kulturjournalisten
(Daniel Olbrychski, dessen Darstellung nicht nur an Synchronisationsproblemen
leidet), der von heftigen Schuldgefühlen geplagt wird, weil sein Vater KZ-Arzt
war. Gebürtig verschränkt ihre Schicksale, trudelt, oft beflissen, nur
manchmal inspiriert zwischen Konfektion und höherem Anspruch, zwischen Traum
und Wirklichkeit und droht ständig, wie die Häftlinge in der ersten
Szene, dabei den Boden unter den Fußen zu verlieren.
Denn gerade weil
sich Schindel und Stepanik redlich mühen, ihrem gewichtigen Thema das nötige
Gewicht zu verleihen, will sich keine narrative Kohärenz einstellen. In den
Dialogszenen wird hauptsächlich Wert auf griffige Einzeiler gelegt, der Rest
verkommt zum bloßen Füllsel, während die - visuell selten einfallsreich
gestalteten - Capricen des Plots zumeist verschiedenen Filmen anzugehören
scheinen. Das soll durch eine oft schwerfällige Off-Erzählung wieder
gekittet werden, doch die ist zwar literarisch, aber wenig filmisch. Genau das
ist auch das größte Problem von Gebürtig: Zwar ist unverkennbar,
daß hier das heikle Thema der Schuldfrage sorgfältig und vielschichtig
beleuchtet werden soll, aber dieser Ansatz bleibt mit der Inszenierung im Format
eines wenig provokativen Prestige-Fernsehspiels stecken.
Peter
Simonischek Filmographie
Gebürtig
(2002) .... Hermann Gebirtig
Blumen für Polt (2001) (TV) ....
Karl Gappmayer
Liebst du mich (2000) (TV) .... Herbert Kranz
Vertrauen
ist alles (1999) (TV) .... Dr. Blankenburg
Speer (1998) (TV)
Liebe deine
Nächste! (1998) .... Selbstmörder
... aka Love Your Female Neighbour
(1998) (Europe: English title)
... aka Love Your Neighbour! (1998)
"HeliCops
- Einsatz über Berlin" (1998) TV Series .... Hagen Dahlberg
HeliCops
- Einsatz über Berlin (1998) (TV) .... Hagen Dahlberg
Assignment Berlin
(1998) .... Brumm
... aka Babyhandel Berlin - Jenseits aller Skrupel (1998)
(Germany: TV title)
Kunst (1997) (TV) .... Yvan
Reise in die Dunkelheit
(1997) (TV) .... Justus Vorbeck
Porträt eines Richters (1997) (TV) ....
Kemp
Agentenfieber (1997) (TV) .... Mark Schneider
... aka Agentenfieber
oder Wie betrügt man seine Frau? (1997) (TV)
Starkes Team - Eins zu Eins,
Ein (1996) (TV) .... Berger
Tödliches Geld (1995) (TV) .... Bill Brodin
... aka Family of Lies (1995) (TV) (USA: US version)
Grube, Die
(1995) .... Karl Kretschmer
Kein Platz für Idioten (1994) (TV) ....
Hans
Tief oben (1994) .... Gasteiger
... aka Deep Above (1994)
Einsame
Weg, Der (1991) (TV) .... Wegrat
Erfolg (1991)
... aka Success (1991)
Achte Tag, Der (1990) .... De Vries
... aka Eighth Day, The (1990) (International:
English title: informal literal title)
Berg, Der (1990)
... aka Mountain,
The (1990)
Veruntreute Himmel, Der (1990) (TV)
Sukkubus - den Teufel im
Leib (1989)
... aka Den Teufel im Leib (1989)
... aka Sukkubus (1989)
Paura
e amore (1988) .... Massimo
... aka Fürchten und Lieben (1988) (West
Germany)
... aka Love and Fear (1988)
... aka Three Sisters (1988)
"Lenz
oder die Freiheit" (1986) (mini) TV Series .... Lenz
Geblendeter Augenblick
(1986) (TV)
Herrenjahre (1983) (TV)
Eine Glück und das andere, Das
(1979) (TV)
"Derrick" (1974) in episode: "Tödliches Patent"
1990
Hörbücher
Franz
Kafka
Peter Simonischek liest
Der Heizer
Ein Fragment
"Als der
sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika
geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind
von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von
New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin
wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem
Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte."
Eine
Produktion des Sender Freies Berlin aus dem Jahre 1983.
Karl Ignaz Hennetmair:
Ein Jahr mit Thomas Bernhard
Sprecher: Peter Simonischek, Karl I. Hennetmair
"Ein
Jahr mit Thomas Bernhard" ist eine Skandalchronik wider Willen: Des Dichters
Freund Hennetmair schreibt auf, was Thomas Bernhard gesagt hat, wenn er mit ihm
nebst Gattin und Tochter beisammen war, beim Essen, Trinken und Fernsehen. Dieses
Füllhorn der Indiskretion, das zugleich eine Quelle literaturhistorischer
Information ist, wird hier vorgetragen von Peter Simonischek und Karl I. Hennetmair.
Sie beraten sich, loben und kritisieren sich, granteln auch einmal, und bei allem
geht eine Vertrautheit von diesen Stimmen aus, die die Freundschaft der beiden
aufs Beste unterstreicht.
Hörbuch des Monats Dezember 1999
Ovid:
Metamorphosen
Ovids Sammelgedicht "Metamorphosen" mit seinen
rund 250 Verwandlungsgeschichten ist ein Grundbuch der europäischen Literatur-
und Kunstgeschichte: ob die Liebesgeschichten des Zeus wie der Raub der Europa
durch den göttlichen Stier oder die Eroberung Ledas in Gestalt eines Schwans,
ob die Wundergeschichten um den neuen Gott Dionysos oder die Verwandlung keuscher
Nymphen in Bäume, Bäche, Quellen - wir begegnen diesen und den meisten
anderen der von Ovid bearbeiteten Stoffe in mannigfachen Variationen und oft zur
Unkenntlichkeit trivialisiert bis heute ständig wieder. Zum Beispiel als
Bildergeschichte bei Wilhelm Busch ("Die moderne Kirke"), als Filmstoff
(der Kauf einer Frau, die einem anderen gehört, für eine Nacht) oder
als Kinderlegende wie die vom Mann im Mond (Mondgöttin Cynthia versetzt den
schönen Hirten Endymion in ewigen Schlaf, um nie seinen Anblick zu entbehren)
- von der Malerei bis hin zu Picasso ganz zu schweigen. Gerhard Fink hat eine
reichhaltige Auswahl aus diesen Geschichten in eine ungemein vitale, rhythmisch
fließende und moderne Prosa übersetzt, die in Peter Simonischek einen
kongenialen Sprecher gefunden hat. Simonischek ist ein renommierter Schauspieler,
enthält sich aber jeder eigenen Gestaltungsmöglichkeit. So kommen diese
spannenden, immer wieder in ihrer Vielfalt und psychologischen Raffinesse überraschenden
Geschichten am besten zur Geltung. Das ist lebendige Erbschaft einer Vergangenheit,
die uns mehr Auskunft über uns selber gibt, als uns manchmal lieb sein kann.
Ovid:
Metamorphosen. 6 CDs. In Prosa neu übersetzt von Gerhard Fink. Sprecher:
Peter Simonischek. Patmos Verlag 1999.
Kasmina Reza: "KUNST"
Deutschsprachige
Erstaufführung
DIE BESETZUNG
Udo Samel Gerd Wameling Peter Simonischek
Nicht mehr als sieben Jahre hat dieses Stück gebraucht, um weltweit zu
einem Theatermythos zu werden. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Vor einem
Jahr feierte die Berliner Erfolgsinszenierung, die im Oktober 1995 ihre deutsche
Erstaufführung an der Schaubühne erlebte, am Renaissance-Theater mit
den "drei heiß-geliebten Erzkomödianten" (Radio3) ein triumphales
Comeback.
Unvergeßlich: die drei Kerle auf dem blauen Sofa, feixend,
weinend, zickend, triumphierend, niedergeschlagen, närrisch. Der Beginn oder
das Ende einer wunderbaren Freundschaft; man weiß es nicht. Unvergeßlich:
Udo Samels cholerische Exzesse, Gerd Wamelings Naivität und Niedertracht,
Peter Simonischeks Litanei männlichen Leidens. Unvergeßlich: dieses
Ballett der Blicke, diese Pausen, dieses Schweigen. Yasmina Rezas "Kunst"
ist wieder da. Umgezogen von der Schaubühne ans Renaissance-Theater. Und
man sieht: Dies Stück ist wie geschaffen für das Schmuckkästchen
an der Hardenbergstraße. (...) Da sind sie nun wieder. Und sind doch andere.
(...) Sie lassen sich mit fabelhafter Laune auf das Abenteuer ein, das darin besteht,
die Routine zu besiegen und aus dem perfekten aufeinander Eingespieltsein einen
frischen Lustgewinn herauszuholen (...). Nein, Reis werfen sie nicht im Renaissance-Theater,
doch es ist ein Kultstück, das viele Zuschauer zum x-ten Male sehen.
Rüdiger
Schaper. DER TAGESSPIEGEL
Wenn es wahr ist, daß gute Freunde nicht altern,
so stimmt das hier: sie werden ein bißchen reifer, und reifer bedeutet nicht
gesetzter oder womöglich langweiliger. Die Inszenierung hat, bei aller Deftigkeit,
an Schärfe, kontrollierter Komik gewonnen und für die einzelne Rolle
bedeutet das zuweilen auch: an Nuancenreichtum, an Farbe. (...) Zum Schluß,
beim Applaus, haben sich Gerd Wameling und Udo Samel auf eine Bank gestellt, und
sie waren genauso groß wie Peter Simonischek. Sie sind alle drei vorzüglich.
Bei Wameling sticht jetzt weniger die Delikatesse, mit der er das Bild behandelt,
hervor, als sein erlangen nach Solidarität in Sachen
Kunsturteil - man
will nicht allein dastehen, wenn man eine Sache gut findet und etwas unsicher
ist. Udo Samel kann wunderbar Schadenfreude und Häme herauslassen. Aber dieser
Typ, der immer wieder zu homöopathischen Tropfen langt, giftet so abgrundtief
aus einer Eifersucht heraus, einer Eifersucht auf das Bild, das an seiner Stelle
geliebt sein könnte. Und beide, Wameling und Samel, sind großartig,
wo sie Selbstgefälligkeit und intellektuelle Herablassung versprühen.
Mehr als bei der Premiere vor fünf Jahren hat der dritte im gestörten
Bunde noch weitere Nuancen gewonnen. Peter Simonischek entdeckt in der Figur und
ihrer Durchschnittlichkeit etwas tief Menschliches, einen Einsamen, dem es nicht
um absolute Wahrheiten, sondern um die Bewahrung von Freundschaft geht. Felix
Prader hat diese kleine Komödie wie mit dem Zirkel inszeniert. Jetzt scheinen
die Figuren noch dichter zusammen, auch dichter ans Publikum gerückt. Selbst
noch in ihren Blicken und Blickwechseln waltet eine sublime Choreographie. Und
die Geschichte hat ein surreales Air. Die Inszenierung ist keine Antiquität
aus der alten Schaubühne. Sie besitzt eine erstaunliche Frische. Nicht um
das bewußte Bild dreht sich alles, sondern um die Brüchigkeit unserer
festesten Bindungen. Der ganze Witz wäre nur halb so schön, wenn er
nicht hin und wieder auch etwas Melancholie durchblicken ließe. Ein virtuoser
Schauspieler-Spaß für alle, die ihn schon am Kurfürstendamm gehabt
haben und für alle, die ihn das erstemal hier lachend erleben können.
Peter
Hans Göpfert. RAOI03
Peter
Simonischek im Diagonale-Eröffnungsfilm 'Gebürtig'.
Mit dem Film "Gebürtig" wird am Montag die "Diagonale 2002"
eröffnet. Star Peter Simonischek war für die Dreharbeit erstmals in
New York.
VON LUDWIG HEINRICH
Mit "Gebürtig" wird heute
im Grazer Opernhaus die "Diagonale" eröffnet. Autor Robert Schindel
inszenierte den Film gemeinsam mit Lukas Stepanik. Der Steirer Peter Simonischek
verkörpert Hermann Gebirtig, erfolgreicher Komponist in New York. Eines Tages
wird er überredet, in Wien in einem Kriegsverbrecherprozess auszusagen. "Gebürtig"
ist für Schindel ein "poetischer Akt" gegen das Vergessen.
Sie
haben ob Ihrer Burgtheater-Auslastung selten Zeit fürs Kino.
PETER SIMONISCHEK:
Ja, und dann werden bei uns ja nicht so viele Kinofilme gemacht. Da muss man froh
sein, wenn man eine so tolle Rolle kriegt. In der mich die Regisseure gegen jegliches
Klischee besetzt haben.
Zwei Regisseure - funktioniert das gut?
SIMONISCHEK:
Ich hatte Bedenken, aber umsonst. Wollte ich etwas über die Beweggründe
der Figur wissen, ging ich zu Robert Schindel, der für die Psychologie verantwortlich
war. Und das Technische erklärte mir Lukas Stepanik.
Für die Dreharbeiten
waren Sie erstmals in New York?
SIMONISCHEK: Ja, denn als Theatermann kommt
man ja eher nach Deutschland oder Frankreich. Hauptdrehort war eine schöne
Wohnung in Brooklyn mit gutem Blick auf die - alte - Skyline. Schindel und Stepanik
entschlossen sich, die Twin Towers im Film zu lassen, quasi als Zeitdokument.
Der Sommer naht und damit die Salzburger Festspiele. Wissen Sie schon, wie
Regisseur Christian Stückl die "Jedermann"-Neuinszenierung anlegen
wird?
SIMONISCHEK: Das Spannende an der Sache ist, dass man überhaupt
noch nichts weiß, außer, dass das Podium näher zum Dom rückt,
sodass man vom Dom aus auftreten kann. Mit dem Stückl hab¿ ich mich
getroffen, um zu sehen, ob man einander riechen kann. Mit positivem Ergebnis.
Und wie ist das bei Partnerin Veronika Ferres, der Buhlschaft?
SIMONISCHEK:
Meine Partnerin Veronica Ferres kenne ich noch nicht persönlich. Mitgeteilt
wurde mir, dass die Karten weggehen wie warme Semmeln, wie bei einem Boxkampf.
Sicherheitshalber habe ich mir in den Vertrag ein Kartenkontingent schreiben lassen,
damit ich wenigstens meine Familie reinbringe.
Ihre nächste Burg-Premiere
findet im Arsenal statt?
SIMONISCHEK: Richtig, es ist die Uraufführung
von Albert Ostermaiers "Letzter Aufruf" am 27. April. Spielt nur am
Flughafen und handelt von einem Drehbuchautor, der sich entschlossen hat, ausschließlich
dort oder in Airport-Hotels zu leben. Mit der Außenwelt will er nichts zu
tun haben. Wenn ihm danach zumute ist, setzt er sich in eine Maschine und fliegt
zum nächsten Airport-Hotel. Das Ganze ist für mich "Lyrik in Bild
und Ton".
Regisseuse ist Andrea Breth. Wie ist die Arbeit mit ihr?
SIMONISCHEK:
Ich kenn' sie ja schon von der Berliner Schaubühne. Sie lebt fürs Theater,
lebt im Theater, ist eine Besessene, eine ernsthafte Forscherin und manchmal eine
wunderbare Reiseleiterin. Nachdem sie das Theater so in den Mittelpunkt ihres
Lebens gerückt hat, ist sie eigentlich eine verwandte Seele der Hauptfigur
in "Letzter Aufruf".
Hin und wieder machen Sie noch einen Ausflug
nach Berlin, um dort den Megahit "Kunst" mit Udo Samel und Gerd Wameling
- jetzt am Renaissancetheater statt an der Schaubühne - zu spielen. Damit
halten Sie fast schon bei 300 Vorstellungen?
SIMONISCHEK: Ja. Und besonders
freue ich mich, dass wir damit im September fünf Mal am Wiener Akademietheater
gastieren.
"Diagonale":
Star auf Heimat-Besuch
Montag Abend wurde die 5. "Diagonale"
in Graz eröffnet. Bühnenstar Peter Simonischek nutzte den Anlass zu
persönlicher Spurensuche.
VON FRIDO HÜTTER
In Graz gerät
man leicht in Quartiernot. Als die "Diagonale" 1998 erstmals in Graz
Station machte, blieb den beiden Intendanten Christine Dollhofer und Constantin
Wulff nach etlichen Fehlschlägen nur der Gang zu den Bühnen Graz: "Ist
die Oper dafür der richtige Rahmen für unser Programm?", fragte
sich das dynamische Duo damals fast bang.
Großereignis. Montag Abend
war man zum fünften Mal im wie immer vollen Haus am Ring. Offenkundig ist
die "Diagonale"-Eröffnung zu einem gesellschaftlichen Großereignis
geworden. Und auf die Frage, ob der Rahmen richtig sei, lautet die Antwort: Est,
est, est!
Gefehlt. Auch die beiden haben sich offenbar an ihren alljährlichen
Opernauftritt gewöhnt: "Graz hat sich als Treffpunkt der heimischen
Filmbranche bewährt", sagten sie in ihrer Eröffnungsrede. Auffallend:
Kein Kulturverantwortlicher des Bundes war anwesend, Kunststaatssekretär
Franz Morak war aber quasi entschuldigt, da er zurzeit an einer Kulturkonferenz
in Mexiko teilnimmt.
Stagnation. Sehr berechtigt kritisierten Dollhofer &
Wulff die "Stagnation und Tatenlosigkeit der Bundesfilmförderung",
die auch auf die beispiellosen Festivalerfolge österreichischer Filme in
den letzten Jahren nicht reagiert hat. Für ihre Festivalheimat hatten sie
gestern nur Rosen parat: "Graz und die ,Diagonale¿: Das ist von einem
anfänglichen Pakt weniger Optimisten zu einer von allen Seiten mit Ethusiasmus
vorangetriebenen Kooperation geworden."
"Gebürtig". Eröffnet
wurde mit "Gebürtig", einem Film nach dem gleichnamigen Bestseller
von Robert Schindel, der der auch nach Graz gekommen war. Regie führten Lukas
Stepanik und der Autor selbst. Peter Simonischek, Burg-Grande und Darsteller der
Titelrolle in "Gebürtig", war mit seiner Frau Brigitte Simonischek-Karner
an die Mur gereist: "Meine Frau hat gemeint, eigentlich hätte ich ihr
meine Heimathauptstadt noch nie wirklich gezeigt. Das werden wir heute ausführlich
nachholen."
Oststeirer. Peter Simonischek, mit dem wir am Montag ein
ausführliches Interview brachten, ist gebürtiger Oststeirer. Doch schon
1956 verließ er seinen Heimatort Markt Hartmannsdorf, um für neun Jahre
ins Stiftsgymnasium St. Paul im Lavanttal zu übersiedeln. Mit Kärnten
ist er auch durch Heirat verbunden: Seine Frau Brigitte, derzeit an der Josefstadt,
stammt aus Völkermarkt.
Ohrfeige mit Folgen. Nach zwei kurzen Jahren
des Architekturstudiums in Graz begann ebenda die steile Karriere Simonischeks.
Der Absolvent der Hochschule für Musik und darstellende Kunst bekam seine
ersten Chancen im Grazer Schauspielhaus. Eine kleine Episode ist ihm heute noch
peinlich: Bei der Hauptprobe zu "Irma la Douce" ohrfeigte er (als Zuhälter)
seine Partnerin Gerti Pall so überzeugend, dass diese einen Nasenbeinbruch
erlitt.
Große Karriere. Ein Schauspielsenior nahm den Eleven wohlwollend
zur Seite und belehrte ihn: "Wenn im Drehbuch steht: Othello ersticht Desdemona,
dann wird diese Rolle auch bei der nächsten Aufführung von derselben
Darstellerin gespielt." Dazwischen liegt eine große Karriere des 56-Jährigen:
Simonischek wurde an Peter Steins legendärer Schaubühne zu einem Liebling
der Berliner. Er spielte in zahlreichen, meist deutschen TV-Filmen. Und ab heuer
ist der der "Jedermann" auf dem Salzburger Domplatz.
Großer
Andrang. Die Grazer Oper ist kein Neuland für den prominenten Mimen: "Ich
war als Kind mit meiner Oma unzählige Male hier, eigentlich wurde hier der
Keim für meine Theaterbegeisterung gelegt." Begeisterte Aufnahme findet
die "Diagonale" heuer auch bei den Journalisten: Rund 50 internationale
Filmjournalisten - aus Belgrad und Paris bis Tampere - und über hundert Berichterstatter
aus Österreich haben sich akkreditiert.
Jurymitglieder:
Ein
Schwieriger, der schön einfach ist
Bravos
für Peter Simonischek als Hugo von Hofmannsthals "Der Schwierige"
am Zürcher Schauspielhaus. Er ist der Abend.
Von Peter Müller
Wien
liegt an der Elbe. Oder an der Spree, vielleicht auch an der Isar oder Wupper.
Oder gar an der Limmat. Aber Wien liegt bestimmt nicht an der Donau. Dieter Giesings
Inszenierung nimmt Hofmannsthals Komödie, die als so typisch österreichisch,
als letztes Juwel der im Ersten Weltkrieg untergegangenen K.-u.-k.-Monarchie gilt,
jedes Lokalkolorit. Puderstaub und Veilchenduft, alles altväterische Behagen
sind weggepustet. Nur schon durch die Besetzung, in der Österreich quantitativ
kaum vertreten ist. Entzauberung der alten Feudalgesellschaft ist angesagt. Zu
sehen ist ein Exorzismus.
Dafür gibt es Gründe. Zwar ist "Der
Schwierige" das einzige Stück Hofmannsthals, das in der Gegenwart spielt.
Allein, schon bei der Münchner Uraufführung von 1921 war diese Gegenwart
hoffnungslos Vergangenheit. Was Hofmannsthal mit der finalen Verlobung des Grafen
Hans Karl Bühl und der Komtesse Helen Altenwyl, der Vereinigung des Besten,
das diese Aristokratie zu bieten hat, als Zukunft behauptet, ist längst zum
Perfekt geworden. Das Wien dieser Komödie ist ein Niemandsland.
Ein Brachialkonzept
So sieht es auf der Pfauenbühne auch aus. Kahl und leicht surreal. In
Graf Bühls Arbeitszimmer liess Bühnenbildner Rolf Glittenberg riesige
Landschaftsbilder schräg hängen. Vergeblich versucht der Schwierige,
der nichts Schiefes ertragen kann, sie zurechtzurücken. Die Unordnung ist
fix, die Welt aus dem Lot. Und ein Zwielicht liegt über ihr, das die Gesichter
bald verschattet, bald gleissend erhellt. "Alle diese Menschen, die Ihnen
hier begegnen, existieren in Wirklichkeit gar nicht mehr", weiss Baron Neuhoff,
dessen deutschem Willen zur Macht die Zukunft gehört, "das sind alles
nur mehr Schatten." Bei Marianne Glittenberg, der Kostümbildnerin, tragen
die Toten die aktuelle Mode. Nur ja keine Nostalgie aufkommen lassen.
Das
leuchtet im Kopf ein und schneidet doch ins Herz. Giesings Brachialkonzept, den
"Schwierigen" zu entwienern, bringt die Komödie aus ihrer meisterlichen
Balance. Mit der Gemütlichkeit treibt er dem Adel auch den wehen Charme aus.
Fast alle, die den Schwierigen, diesen fragilen Leuchtturm aus alten Tagen, wie
die Motten umschwirren, sind plump und laut. Die Konversation, die sie über
weite Distanz führen müssen, wird zum Schreien. Was perlen sollte, knallt.
Die Pointen kommen an, aber Hofmannsthals wundersame Sprachmelodie ist kaputt.
Der teutonische Baron Neuhoff (Matthias Scheuring) muss sich darum in diesem
Wien nicht fremd fühlen. Graf Bühls Schwester Crescence, die dem schwierigen
Bruder den Auftrag gibt, bei der Helen für ihren Stani zu werben, wirkt bei
Anne-Marie Kuster nicht nur energisch, sondern vulgär. Söhnchen Stani
(Christian Hockenbrink) scheint stracks einer Kadettenanstalt entlaufen. Und den
Baron Hechingen, der den Schwierigen bittet, seine Ehe mit der frustrierten Antoinette
zu flicken, spielt Felix von Manteuffel als preussischen Junker, der lärmig
durchdreht. Nur die alten Diener (Jürgen Cziesla und Ingold Wildenauer) wissen
noch um die Kraft der Diskretion; mit einem angedeuteten Lächeln, einem knappen
Satz erzählen sie Lebensgeschichten.
Und doch, bei allem Schmerz um Verluste,
ist der Abend sehenswert. Dank Peter Simonischek. Sein Graf Bühl, der Schwierige,
ist wunderbar. Der gebürtige Grazer braucht kaum zu österreichern, um
Hofmannsthals Ton zu treffen. Ganz einfach scheint das. Ein kurzes Anheben, Stocken
oder Aufrauhen der Stimme, ein leichtes Näseln, ein Anflug von Ironie, und
schon sind wir im Bann dieses Anti-Helden. Auch mit den Gesten ist der Gast von
der Berliner Schaubühne sparsam. Aber wie er ein Bein übers andere schlägt,
wie er die Hände in die Hosentaschen steckt, in einem Buch blättert
oder hinter dem weissen Tüllvorhang auf die Strasse schaut, macht die Skepsis
klar, die der Graf gegen alles Handeln und selbst Reden hat.
Am liebsten schweigt
der Graf, und er tut es eindrücklich. Aber weil er nicht Molières
Misanthrop ist und in die soziale Wüste ziehen mag, ist das Reden unvermeidlich.
Und damit "die odiosen Missverständnisse", die Hofmannsthal von
der alten Wiener Gesellschaftskomödie übernommen und geadelt hat. "Ich
mag diese indiskrete Maschine nicht", sagt der Graf, und dann muss er doch
telefonieren. Simonischek macht daraus ein komisches Kabinettstück. Allein
schon, wie er das Wort "Empfindung" variiert, um sich dem Baron Hechingen
vielleicht verständlich zu machen, lohnt den Abend.
Alles Zielgerichtete
von Handeln und Reden ist Graf Bühl fremd. "Der Mann ohne Absichten",
wie Hofmannsthal sein Lustspiel erst nennen wollte, ist im Grunde ein Kind. Das
hat der neidische Baron Neuhoff schon richtig erkannt. Dafür brauchte er
nicht einmal zuzusehen, wie Simonischeks Schwieriger eine Musikdose in Gang setzt,
die er im Schreibtisch versteckt hält. Oder wie er zu einer raren weiten
Geste ausholt, wenn er sich auf einen Clown im Zirkus freut. Oder wie er, im Salon
der Altenwyls, ein Glas auf der Nase balanciert - bis es die Helen grade noch
auffangen kann.
Frauen, Ehe und keine Rettung
Nicht für Clownerien
ist er da, er hat ja ein "Programm". Eine Ehe kitten und eine Ehe stiften
soll er. Und das ausgerechnet bei den beiden Frauen, die ihn selbst so gegensätzlich
anziehen. In den meisterlich inszenierten Szenen mit Simonischek haben Julia Köhler
und vor allem Isabelle Menke starke Momente. Menke, wohlbekannt vom Neumarkt-Theater,
gelingt es, wortlos das Elend der unglücklich verheirateten Antoinette Hechingen
anschaulich zu machen. Den Oberkörper hat sie qualvoll verdreht im Stuhl,
aber ein Bein kokett ausgestreckt. Endlich schiebt sie alle Zweifel beiseite und
holt sich gierig einen Kuss. Was den verwirrten Grafen mechanisch zum silbernen
Zigarettenetui greifen und hinter dem Rauchschleier auf Distanz gehen lässt.
Julia Köhler als Helen hat es schwerer. Sie kann ihre schöne Seele
nur in Blicke legen. Einige treffen ins Schwarze. Vor allem am Ende, als sie dem
Schwierigen erklären muss, dass er sie liebt. Da wird sogar die blasse Blonde
richtig gierig. So sehr, dass der überrumpelte Graf schon wieder zu zögern
anfängt und sich ratlos mit der Hand übers Gesicht fährt. Anders
als Hofmannsthal zu glauben vorgab, wird die Ehe, dieser vermeintliche Ausdruck
von Dauer und höherer Notwendigkeit, die marode Gesellschaft nicht retten.
"Gratulier sie mir!" sagt schliesslich der Graf zur Schwester Crescence.
Es tönt wie ein Bellen.
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Welten-Flughafen
voll Gangster und Models
Andrea
Breth hob auf der Probe-Bühne des Burgtheaters im Arsenal Albert Ostermaiers
"Letzter Aufruf" aus der Taufe: Prototypen, Figuren, die zu deutlich
als beschädigte Ware etikettiert sind.
VON BARBARA PETSCH
Sodom und
Gomorra! Wenn es hinter den polierten Kulissen unserer Airlines wirklich so zugeht,
müssen wir froh sein, daß wir schon so oft heil und sicher angekommen
sind. Ein Glück, sonst wären wir nicht hier! Aber war es ein Glück,
daß wir da waren? Bei der ersten Präsentation der Burgtheater-Probebühne
als Spielort. Mit "Letzter Aufruf" vom hoch gehandelten 35jährigen
deutschen Autor Albert Ostermaier. Hochkarätig auch das Team: Andrea Breth
inszenierte, Martin Zehetgruber gestaltete die klaustrophobische Szene - und die
Schauspieler gaben, das darf vorausgesetzt werden, ebenfalls ihr Bestes.
Ostermaiers
Stück spielt an jenem Schauplatz, wo der gehetzte, genervte, moderne Mensch
gezwungenermaßen zur Ruhe kommt: auf dem Flughafen, vor dem Check-in-Schalter,
vor dem Gate. Dort verschwimmen Dichter, gedungener Mörder, Model, Pilot
und Emigrant zu einem undurchdringlichen, unverbindlichen Flughafen-Gesicht. Würden
die Leute nicht einzeln hervortreten, ein Stück ihrer Rollen im wirklichen
Leben vorspielen, samt bösen oder frivolen Nebenrollen, einen Hauch ihres
Geheimnisses lüften, sie blieben unkenntlich - wie eben auf dem Flugplatz,
aber nicht im Theater.
Das Konzept erinnert an Botho Strauß, die Konstellationen
manchmal an Handke. Und doch ist etwas anders: Vielleicht die Verwandlung von
Popkultur in Sprache, die sich Ostermaier anders als Strauß oder Handke
nicht erobern mußte - deren Bilder seiner Generation selbstverständlich
sind.
Ostermaiers Text vermittelt die Lust an der kunstfertigen Montage der
Worte, die uns umgeben, gleich, ob es Begriffe oder Sprachmüll sind. Und
er läßt sich weder von dem einen noch von dem anderen hinreißen
zu Erklärung oder inflationärem Geschwätz. Aus Gerede schöpft
er seine Poesie. "Letzter Aufruf" ist ein in tausend Scherben zersprungener
Spiegel, jede einzelne Scherbe spiegelt das Ganze, die Welt.
Gut möglich,
daß es Breths Text-Zergliederung gewesen ist, die diesen Kosmos erst erkennbar
machte. Aber, ehrlich gesagt, weniger Deutlichkeit, denn um die geht es hier vielleicht
gar nicht, wäre besser gewesen. Statt dessen hätte vermutlich mehr von
jenem Witz wohlgetan, der das Premieren-Publikum am Samstagabend selten, aber
erleichtert auflachen ließ. Klar, Peter Simonischek und Wolfgang Michael
sind zwei Darsteller, die jeden Bösewicht, ob 100, 300 Jahre alt oder aus
der Jetztzeit, spielen können. Johannes Krisch forciert dagegen wieder einmal
zu sehr als gescheiterter Popstar, der sich als DJ und mit Drogenhandel durchbringt.
Andrea Clausen vermag jede Liebesgeschichte rührend zu erzählen.
Sabine Haupt und Johannes Terne illustrieren plastisch, was selbst Vielflieger
meistens versäumen dürften. Dennoch: Alle diese Heimatlosen, Desolaten,
Verrückten, Kriminellen, auf der Rolltreppe, im Hotel, an der Bar und in
der Toilette kommen einem in aller Virtuosität ihrer Ausführung über
weite Strecken peinigend bekannt und blutleer vor. Das war es wohl kaum, was Ostermaier
im Sinn hatte.
29.04.2002 Quelle: Print-Presse
Im
Cineplex-Theater-Center: Ostermaiers Airport-Stück "Letzter Aufruf"
auf der Probebühne des Burgtheaters im Arsenal
Von
Ronald Pohl
Die Burg hat eine Expositur im Arsenal eröffnet - dort, wo
ansonsten nur geprobt wird. Albert Ostermaiers Airport-Stück "Letzter
Aufruf" wurde von Regisseurin Andrea Breth als Kinolehrstück uraufgeführt:
eine müde Hommage an chromblitzende Thriller.
Wien - Das Theater unterhält
zum Tonfilm das von Neid erfüllte Verhältnis der erstgeborenen Schwester:
einer Jungfer mit Runzeln im Gesicht, die ihr Leben im elterlichen Salon freudlos
hinbringt, während die Jüngere, die vor auch schon wieder achtzig Jahren
das Sprechen gelernt hat, von Kostümball zu Kostümball eilt. Wird es
der Mauerblume zu bunt, plündert sie den Schminkkorb der jungen: Klatscht
sich verspiegelte Gläser ins Gesicht; schneidet ihr szenisches Gewand in
lose Streifen; übt vor dem Spiegel die Miene des eiskalten Engels ein.
Sie
donnert sich technisch auf und feiert ihren beschämenden Mummenschanz als
die entkrampfende, finale Erlösung - nur auf der Bühne, die dieses Mal
eine Probebühne ist und auf dem Areal des Wiener Arsenals zur Probe liegt,
steht sie ganz nackt und in Hemdsärmeln da.
Albert Ostermaiers Letzter
Aufruf ist eine wortreich gestammelte Liebeserklärung an die Filmindustrie;
an mysteriöse Auftragskiller in Anthrazit-Anzügen, die sich auf einem
Airport herumtreiben, weil die Flughäfen nun einmal Provisorien sind, Wartezimmer
mit keiner Aussicht, kurzen Aufenthaltsgenehmigungen, verspiegelten Wänden
und pneumatischen Türen.
Was Ostermaier (35) dazu einfällt, ist
vielerlei, doch nichts Ganzes. Er, der die schönsten Gebrauchsverse der deutschen
Industriegesellschaft zu schreiben imstande ist, die gehobene Beat-Lyrik für
den deutschen Techno-Stammtisch, chromblitzende Oden an die Chillout-Zonen dieser
Welt, setzt für die Uraufführung von Letzter Aufruf das ganze Theater,
dem er doch zuarbeitet wie kein anderer Autor seiner Generation, aufs Spiel.
Er
hobelt seine Szenen klein. Zugleich füllt er sie mit lyrischen Aromastoffen.
Ostermaier bedichtet alles: die Gepäckstücke auf Förderbändern,
die Strumpfhosen von Flugbegleiterinnen, die Einsamkeit in den Toilettenräumen.
Ostermaier ist der Barde der Leistungsgesellschaft und ihrer gebrauchsfertigen
Monumente. Zugleich möchte er aber auch einen Thriller schreiben, mit Willem
Dafoe in der Hauptrolle, mit pockennarbigen Auftragskillern und lasziv unnahbaren
Frauen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre wohlgeformten Hostessen-Beine
in die Luft strecken. Dieses Stück ist ein klarer Fall von Cinema-Workout;
ein mürber Appetitanreger für das nächste Multiplex-Center in Ihrer
Umgebung.
Bühnenbildner Martin Zehetgruber hat im Arsenal nichts unversucht
gelassen, Ostermaiers Filmskript auf Cinemascope-Format zu trimmen. Die Zuschauer
sitzen inmitten einer rundumlaufenden Blechschachtel und können sich wie
Syndikatsbosse in ihren Fauteuils nach allen Seiten drehen. Schiebetüren
eröffnen den Blick auf eingefrorene Gesten und kalte Bilder. Das Theater
simuliert ein bisschen die Businesslounge - den Amüsierbetrieb der Kulturindustrie,
die um Ihre zerstreute Aufmerksamkeit bittet.
Die Story lohnt keine nacherzählende
Mühe. Als wäre ein Skriptschreiber mit den losen Zetteln seines Drehbuchs
vor die Antriebsdüse eines startenden Flugzeugs gelaufen. Leo (Peter Simonischek),
ein Wotan der Airport-Malls, lernt beim Haare-Anklatschen am Klo einen drogenkranken
Russen-Mafioso (Wolfgang Michael) kennen: Michael mümmelt an den Ostermaier-Sätzen
herum wie an Lakritze.
Leos Gefährtin Tita (Andrea Clausen) will ihren
Gefährten um die Ecke bringen; ein Flugkapitän möchte mit seiner
Geliebten Schluss machen; ein F.A.Z.-lesender Businessmakler (Gerd Böckmann),
der sich als "Dichter" ausgibt, tötet auf Bestellung - aber erstens
die Falsche, und zweitens stöpselt er zu jeder Gelegenheit seinen Laptop
ein, als müsste er den Kursverfall des Yen zwischen zwei Mordtaten dringend
analysieren.
Ein zäher Schleier liegt über den Untoten, die in ihre
Mikroports verträumt hineinmurmeln, als sprächen sie börsennotierte
Kurse zur Nacht. Bisher war Regisseurin Andrea Breth als Belebungskünstlerin
der gefürchtetsten Klassiker-Scharteken aufgefallen. Sie ist ihrem Klischee
davongelaufen - mitten hinein in einen Kinosaal, den Riesenbecher mit Puffreis
bis obenhin gefüllt. Was für eine Verirrung; was für eine falsche
Destination.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 4. 2002)
Hektik
in Zeitlupentempo
Uraufführung
von Albert Ostermaiers "Letzter Aufruf"
Ein großartiges Plädoyer
dafür, die Probebühnen im Arsenal zur zusätzlichen Spielstätte
des Burgtheaters zu erklären, ist mit der Uraufführung von Albert Ostermaiers
Flughafenstück "Letzter Aufruf" gelungen.
Martin Zehetgruber,
derzeit wohl führender Bühnenbildner weit und breit, zeigt, wie wichtig
es für heutiges Theater ist, genormten Theaterraum zu verlassen, um neuen
Theaterraum zu schaffen. Und dieses Raumgefühl ist es auch, das man hauptsächlich
von "Letzter Aufruf" mit nachhause nimmt.
Er hat in eine riesige
Halle ein metallisches Kreisrund eingebaut. Das Publikum sitzt auf Drehsesseln
im Kreis, in dessen Mittelpunkt die als Informationsschalter getarnte Technik
(stimmige Musik: Bert Wrede) residiert. Rundherum sind Bühnensegmente angeordnet,
die einen auch raumübergreifenden Spielverlauf ohne Pause und Umbauten ermöglichen.
Flüchtige Begegnungen
Die Metallwände geben jeweils nur Blick
auf jene Räume frei, die gerade bespielt werden. Ein Waschraum, eine Halle
mit Rolltreppen und Kaffeeautomat-Ecke, eine Bar, Aufzüge, ein Gepäck-Förderband.
Diese Schauplätze für flüchtige Begegnungen und rätselhafte
Gespräche wirken bestechend echt und sind doch kunstvoll angelegt und ausgeleuchtet.
Regisseurin Andrea Breth wird mit ihrem Eröffnungsbild der flirrenden
Atmosphäre des Airports gerecht. Choreografierte Hektik, in Zeitlupentempo
zerlegt: Geschäftemacher, Passagiere und Flughafenpersonal ziehen von einer
Rolltreppe zur nächsten. Schon hier baut sie eine Figur ein, die so nicht
im Text steht. Ein dunkelhäutiger Passagier wird mit verklebtem Mund abgeführt.
Später werden noch andere "unliebsame" Flughafengäste auf
Asylanten- und Abschiebungsproblematik aufmerksam machen.
Worum es geht
Worum
es in "Letzter Aufruf" geht, ist schwer zu beschreiben, das Stück
bleibt - ob man es gelesen hat oder nicht - verwirrend. Breth erhebt den so flüssig
geschriebenen Text zum Kunst-Stück; selbst Szenen, die bei Lektüre klar
scheinen, werden durch spielverweigernde Kompositionen zum Rätsel.
Am
ehesten hilft die Vorstellung, sich in bereits verfilmten, aber noch nicht zusammengefügten,
vielleicht auch nur gedachten Krimi-Szenen zu befinden, die ein Drehbuchautor
(souverän: Peter Simonischek) während des Stücks ersinnt - das
würde auch die fehlenden Verzahnungen erklären.
In Erinnerung bleiben:
Wolfgang Michael als durchgeknallter Russe, der im Waschraum seinen Flug verpasst.
Johannes Krisch und Jana Becker als ausgeflipptes DJ- und Modelpaar; Sabine Haupt,
die sich mit viel Sex als Stewardess einen Piloten (Johannes Terne) angelt; Erden
Alkan als verlorener Staatenloser, Benno Ifland als herumgeisternder, zwielichtiger
Fotograf, Gerd Böckmann als undurchschaubare Dichterfigur, Andrea Clausen
in kunstvollen Mehrfachrollen.
Den Sieg des Abends trägt Zehetgruber davon:
Das Ensemble tritt zum Boarding an, das Bühnensegment gerät per Videoprojektion
zum weiten Feld mit startendem Flugzeug. Zehetgruber hat den Raum gesprengt. Ungläubig
starren wir dem Flugzeug nach - und stehen bereits im Freien.
Caro Wiesauer