Peter Simonischek

wurde am 6. August 1946 in Graz geboren, besuchte im Konvikt St. Paul im Lavanttal die Schule, danach die Akademie für Musik und darstellende Künste in Graz, trat im Grazer Schauspielhaus auf, danach in St. Gallen, Bern und Düsseldorf. In der Folge ging mit dem Engagement an die Berliner Schaubühne, wo er 20 jähre blieb, ein Lebenstraum in Erfüllung. 1999 holte ihn Klaus Bachler ans Burgtheater (Antrittsrolle: "John Gabriel Borkman"), wo er sich inzwischen ebenfalls als Publikumsmagnet etabliert hat. Seit 26. August 1989 ist er mit Kollegin Brigitte Karner verheiratet, die er bei den Dreharbeiten zur TV-Produktion "Lenz oder Die Freiheit" kennen lernte.
Jedermanns Auftritt
In der Television ist er im zweiten "Polt "-Bildschirmkrimi " Blumen für Polt" an der Seite von Erwin Steinhauer zu sehen, in den heimischen Kinos läuft der Film "Gebürtig" an, in dem er die zentrale Rolle verkörpert, und im Arsenal hat er am 27. April mit der Burgtheaterproduktion "Letzter Aufruf" Premiere. Danach muss er sich langsam mit seinem großen Sommerevent vertraut machen, denn der Steirer ist bekanntlich der neue "Jedermann" der Salzburger Festspiele.
"Bei einem Krimi sollst ja nicht viel verraten", erklärt er zu seinem "Polt"-Auftritt, "daher halt nur so viel, dass ich ein Weinbauer bin, der an einer schweren Schuld trägt. Udo Samel, der grandiose Franz Schubert aus Fritz Lehners "Mit meinen heißen Tränen", wirkt auch mit, und das freut mich ganz besonders, weil wir ja miteinander in Berlin bereits an die 300 Vorstellungen des unglaublichen Publikumshits .Kunst' hinter uns haben und damit im September fünf Abende am Akademietheater gastieren."
Für TV-Aufgaben hat Simonischek sonst wenig Zeit, schuld daran ist das Riesenpensum, das er am Burgtheater zu spielen hat. Vor "Amtsantritt" am 1. September 1999 hatte er für SAT.1 gemeinsam mit Ehefrau Brigitte Karner (sie stammt aus Völkermarkt) noch die Serie "Helicops" gedreht: "Zwei Staffeln lang, und die Sache war sehr erfolgreich. Wegen meiner
Peter Simonischek hat am 27. April mit "Letzter Aufruf" im Wiener Burgtheater Premiere.
Übersiedlung nach Wien bat ich aber die Produzenten, mir einen .eleganten Ausstieg' zu erlauben."
Es war nach der "Kirschgarten"-Premiere bei den Salzburger Festspielen 1995, als seine Frau fast prophetisch gesagt hatte: "Irgendwann willst sicher nach Österreich zurück. Allein die Lebensqualität ..." Und bald darauf war das Offert des Burg-Herrn Klaus Bachler da. Der Abschied von den früheren Wirkungsstätten wurde in Zürich mit dem "Schwierigen" und an der Berliner Schaubühne mit der genau 240. ausverkauften Vorstellung von "Kunst" (seine jetzigen "Kunst-Gastspiele absolviert der Österreicher im Renaissancetheater, wohin die Produktion übersiedelt ist) zelebriert: "Ein Wahnsinn damals. Für uns drei Darsteller regnete es vom Schnürboden runter weiße Rosen, und im Berliner Senat gab es wegen mir sogar eine Anfrage, ob man diesen Schauspieler ziehen lassen kann. Empfand ich natürlich als sehr schmeichelhaft."
Angebote aus dem Burgtheater gab es bereits in der Ära Benning, aber: "Das war zu einer Zeit, als noch kein Grund bestand, von der Schaubühne wegzugehen. Entscheidend waren letztendlich zwei Punkte. Einmal mein 50. Geburtstag. Ich fragte mich damals: Schau ich mir langsam in Berlin die Friedhöfe an oder in meiner Heimat? Und dann das Gespräch mit Klaus Bachler, der mir glaubhaft versicherte, Jutta Lampe und ich seien auf seiner Wunschliste für den Direktionsantritt an erster Stelle gestanden. Außerdem hatte sich zu dieser Zeit in Berlin das Arbeitsklima sehr verändert. Das Schlagwort dort hieß,neuer Anfang'. Wenn schon Neuanfang, hab ich mir gesagt, warum nicht gleich in Wien?"
Mit "Weibi" Brigitte, einst Hauptakteurin der Rademann-Serie "Donauprinzessin" und im kommenden Herbst an der Josefstadt in der "Wildente" zu sehen, fand er eine wunderschöne, geräumige Wohnung in der Wiener Innenstadt, und Sohn Benedikt (Jahrgang 1988, neben ihm gibt's noch den fünfjährigen Kaspar und, aus einer früheren Ehe, den 19-jährigen Max) konnte ganz schnell ein Traum erfüllt werden: "Er singt sehr schön, und so wurde er in Berlin Mitglied des Domchores. Wir dachten nach, was denn in Wien möglich wäre, und kamen -logisch - auf die Sängerknaben. Man hat uns schnell entmutigt: Die stellen so hohe Ansprüche, nur ein geringer Prozentsatz der Bewerber schafft es und so weiter. Trotzdem durfte er Ende Jänner 1999 zum Vorsingen, und nach einer Stunde stand fest, dass er akzeptiert war. Inzwischen ist er mit dem Chor fleißig unterwegs, zuletzt waren s' in Malaysia." Und schnell eingewöhnt hat sich der Herr Sängerknabe auch: Drückte er an der Spree noch für Hertha BSC die Daumen, so schlägt sein Herz jetzt für Sturm Graz.
Ludwig Heinrich Tele, Presse 4.4.2002

 

Landgendarm Polt (7.4. 20.15, ORF 2) von Matthias Greuling

Es gibt Dinge, die ändern sich nie. Etwa, wenn der gewichtige Landgendarm Simon Polt (Erwin Steinhauer) mit seinem Dienstfahrrad durch die beschauliche Weinviertler Landschaft radelt. Äußerst gemächlich natürlich.
Oder auch die Lebenseinstellung von Autor Alfred Komareks Figuren in seinen Weinviertler Kriminalfällen. "Trink ma was?", fragt ein Bauer, der dekorativ vor seinem Weinkeller sitzt. "Mit dir immer gern", sagt Polt. In der Ruhe liegt die Kraft.
BESTÄNDIGKEIT Bereits zum zweiten Mal ermittelt Dorfpolizist Simon Polt heute, Sonntag, im ORF (20.15, ORF 2). Sein erster Einsatz brachte ihm vor einem Jahr die Sympathie von 910.000 Zuschauern. Für seinen neuen Fall "Blumen für Polt" wurde die Weinviertler Beständigkeit auch auf das Filmteam übertragen: Regie führte, wie schon bei Teil eins, Julian Roman Pölser, an der Kamera werkte erneut Fabian Eder an den malerischen Landschaftsimpressionen, die dem Polt-Krimi ihren Rahmen geben. In weiteren Rollen: Peter Simonischek, Udo Samel, Erni Mangold und Monica Bleibtreu.
"Alles hier ist beschaulich und gemütlich", sagt Erwin Steinhauer, der als Polt diesmal zwei rätselhafte "Unfälle" aufklären soll. Und der "an einer Beziehung zu der Lehrerin Karin (Karin Kienzer) arbeitet", verrät Steinhauer. "Aber wie das oft so ist im Leben: Manchmal ist eine Beziehung schon zu Ende, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat".
Steinhauer spricht da schon vom dritten Polt-Krimi, der im Sommer gedreht werden soll. Insgesamt ist die ORF-Arte-Koproduktion auf vier Teile angelegt. "Die Krimis spielen in den vier Jahreszeiten. ,Blumen für Polt' zeigt den Frühling, der nächste spielt im Sommer". Thematisch passend auch die Musik: Vivaldis "Vier Jahreszeiten" untermalen das ruhige Milieu der Weingegend.
Auch der Wein hält, was er verspricht. "Leider konnten wir das beim Dreh nicht ausprobieren, da muss man ja konzentriert arbeiten", seufzt Weinliebhaber Steinhauer. "Die Bewohner im Pulkautal sind sehr gastfreundlich, und man muss auf der Hut sein, dass man ned hocken bleibt in ihren Weinkellern", lacht er.
Burgtheater-Mime Peter Simonischek zeigt sich auch "begeistert vom Wein". Der Steirer, der in den letzten 20 Jahren in Berlin lebte, steht nicht nur auf der Theaterbühne, sondern spielt derzeit auch im Film "Gebürtig" (seit Freitag im Kino) einen ehemals vertriebenen jüdischen Komponisten. Ein großer Unterschied zu seiner Rolle als Bauer im Polt-Krimi. "Das ist so, wie wenn man Cremeschnitten und Matjesheringe vergleicht. Aber ich esse beides sehr gern", versichert Simonischek.

 

Jon Fosse: Traum im Herbst

Österreichische Erstaufführung
Du wir wollen tief uns küssen -
Es geht eine Sehnsucht durch die Welt,
An der wir sterben müssen.
Else Lasker-Schüler
Auf einem Friedhof begegnet ein Mann einer Frau. Sie waren einmal ineinander verliebt, haben sich aber nicht dazu bekannt. Sie ist dann in eine andere Stadt gezogen; er ist inzwischen verheiratet und hat ein Kind. Sie ist nur auf einen kurzen Besuch zurückgekehrt, aber direkt vom Flughafen auf den Friedhof geeilt. Sie empfinden es als seltsam, einander gerade dort zu begegnen, und scheinen doch damit gerechnet zu haben. Auch in der Entfernung waren sie sich nahe, hatten nachts oft das Gefühl beieinander zu liegen. Jetzt will sie ihn mit in ihr Hotelzimmer nehmen oder gleich hier auf dem Friedhof mit ihm schlafen.
Da erscheinen die Eltern des Mannes. Sie sind zur Beerdigung der Großmutter auf den Friedhof gekommen. Der Mann ist überrascht über das Zusammentreffen: er hatte seit Jahren keinen Kontakt zu ihnen. Den hat seine Ehefrau aufrechterhalten; auch sie und seinen Sohn hat er länger nicht gesehen. Die Mutter begrüßt die Frau an seiner Seite als seine "neue Frau"; sie freue sich, sie endlich kennen zulernen. Sie erzählt ihr von der ersten Frau des Mannes und dem inzwischen volljährigen Sohn. Auch diese kommt zur Beerdigung, kann aber nur kurz bleiben: der Sohn ist lebensgefährlich erkrankt...
In subtilen, kaum merkbaren Übergängen schieben sich Stationen aus dem Leben des Mannes ineinander: Begegnungen von Liebe und Tod. Der Ort bleibt derselbe, immer wieder treffen dieselben Personen in verschiedenen Altersstufen aufeinander. Selbst die Zeit, die äußerlich in großen Sprüngen dahineilt, vor- und zurückspringt, scheint stillzustehen: Vergangenheit und Gegenwart überlagern einander, und als Zukunft wartet der Tod.
Jon Fosse, norwegischer Schriftsteller, geboren 1959, lebt in Oslo. Nach Romanen, Gedichten und Kinderbüchern gelang ihm in den letzten Jahren der internationale Durchbruch als Dramatiker: u. a. mit "Der Name" (1995), "Da kommt noch wer" (1996), "Das Kind" (1996), "Die Nacht singt ihre Lieder" (1997), "Traum im Herbst" (1999). Gerade ist sein Roman "Melancholie" auf deutsch erschienen.
Yoshi Oida, japanischer Regisseur und Schauspieler, geht 1968 auf Einladung von Jean-Louis Barrault nach Paris und wird Mitglied von Peter Brooks internationaler Theatertruppe. Mit ihr spielt Oida auf den verschiedensten Bühnen der Welt, von Afrika über Persien bis in die USA und Australien und immer wieder in Paris, wie z.B. in Brooks "L'homme qui" nach Oliver Sacks und der Hamlet-Paraphrase "Qui est là". Daneben arbeitet er mit Jerzy Grotowski, Peter Greenaway und Eugenio Barba. Seit 1979 tritt er zunehmend mit eigenen Inszenierungen an die Öffentlichkeit. In Hamburg führt Yoshi Oida bei zwei Stücken in der Kampnagelfabrik und später am Thalia Theater, u.a. Brian Friels "Molly Sweeney" (mit Annette Paulmann in der Titelrolle) und Camus' "Missverständnis" Regie. An der Schaubühne Berlin inszeniert er "Das Jagdgewehr" von Yasushi Inoue, "Madame de Sade" von Yukio Mishima und "Hanjô, une variation théâtrale". Beim Internationalen Sommertheater-Festival Hamburg 2000 präsentiert er sein Stück "Interrogations - Words of the Zen Masters" und am Berliner Haus der Kulturen der Welt "Die Zofen", eine Ballettversion nach dem Stück von Jean Genet (2001).

Mit: Annemarie Düringer, Brigitta Furgler, Annette Paulmann; Wolfgang Gasser, Peter Simonischek
Premiere am 18. Oktober 2001 im Akademietheater
Spieldauer: 1Stunde 30Minuten
Besetzung
Mann - Peter Simonischek
Frau - Annette Paulmann
Mutter - Annemarie Düringer
Vater - Wolfgang Gasser
Gry - Brigitta Furgler
Regie - Yoshi Oida
Ausstattung - Stefan Hageneier
Dramaturgie - Wolfgang Wiens

Kritiken zu diesem Stück:
So komprimiert, lakonisch und mitleidlos klar schreibt im gegenwärtigen Theater nur Jon Fosse. In seiner Todesmeditation "Traum im Herbst" begleitet jeden Satz das bange Gefühl, er könne der letzte sein. [...] Fosse balanciert an der Grenze des Sagbaren.
(Süddeutsche Zeitung, 20. 10. 2001)
Regisseur Yoshi Oida überhöhte das Geschehen in einen magischen Realismus, der einen in seinen faszinierenden Bann zieht. Entrückt und beklemmend nah zugleich ist dies herbstliche Traumwelt.
(Profil 22. 10. 2001)
Im Spiel von Peter Simonischek (Mann), Annette Paulmann (Frau), Annemarie Düringer (Mutter), Wolfgang Gasser (Vater), Brigitta Furgler (Ex-Frau) erklingt eine Sonate: bitter, komisch altbekannt - als würden die Phrasen unserer Furcht, unserer Sehnsucht und unserer Ausweglosigkeit in einem Spielgelbild zuürckgeworfen.
(OÖN, 20. 10. 2001)
Aus dem Ensemble [...] ragt, nicht unerwartet, Peter Simonischek hervor. Er spielt den Mann ganzkörpergestisch als gebrochenen Zauderer, vom Verlust ohnehin nie erlebter Liebe fast kindlich brutal geworden. Dass er der Figur auch komische Aspekte abringt, spricht für die große Handwerkskunst Simonischeks.
(Kleine Zeitung 20. 10. 2001)
Ein Kabinettstück besonderer Art gelingt Annemarie Düringer sprachlich, gestisch und mimisch als dominante, ihre zuckersüßen Bosheiten wie Giftpfeile abschießende Mutter. [...] Stürmischer Applaus für Autor, Regisseur und Ensemble bewies, dass es das Publikum zu schätzen wusste.
(Wiener Zeitung 22. 10. 2001

 

Hugo von Hofmannsthal JEDERMANN

"In dem mittelalterlichen Spiel vom Sterben des reichen Mannes Jedermann, in einem Spiel, das alle himmlischen Geister bewegt und es dem Jedermann unmöglich macht, nicht in den Himmel zu gelangen, hat Hofmannsthal sein Thema gefunden.
Ob diese Auseinandersetzung noch zeitgemäß ist, das ist hier die Frage: Der Mensch der Renaissance hat den Tod verdrängt, der des Barock hat ihn zelebriert, er ließ sich sogar das eigene Begräbnis vorspielen.
Und wir?
Wie gehen wir mit ihm um ?
Die Anwesenheit des Todes, sein Auftritt auf dem Domplatz macht die Leute staunen. Macht er ihnen Angst ?
Das Stück Jedermann kann nicht sterben, weil der Tod immer unser Begleiter sein wird und uns nie entkommen lässt."
Nachdem der Salzburger Jedermann seit 18 Jahren unverändert in der Inszenierung von Gernot Friedel gespielt wurde, erarbeitet Christian Stückl das "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" für die Saison 2002 neu.
Eine Laufbahn begann der gebürtige Oberammergauer 1981 mit dem Aufbau einer eigenen Theatergruppe, die u.a. Molières "Der eingebildete Kranke", Georg Büchners "Woyzeck" oder "Was ihr wollt" und den "Sommernachtstraum" von William Shakespeare auf die Bühne brachte. 1987 wurde er Erster Spielleiter der berühmten Passionsspiele seiner Heimatstadt, 1988 bis 1990 und 2000 übernahm er die Regie der Leidensgeschichte. 1987 und 1988 war Christian Stückl Assistent bei Dieter Dorn und Volker Schlöndorff an den Münchner Kammerspielen, 1991 kürte ihn die Zeitschrift "Theater heute" für seine erste eigene Arbeit an dem renommierten Haus - der Uraufführung von Werner Schwabs Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos - gleich zum "Nachwuchsregisseur des Jahres 1991".
Bis 1996 fungierte der gelernte Holzbildhauer für vier Jahre als Spielleiter an den Münchner Kammerspielen; Arbeiten aus dieser Zeit sind zum Beispiel William Shakespeares Viel Lärm um Nichts, Christopher Marlowes "Edward II.", die Uraufführung von Kerstin Spechts "Carceri" sowie "Quai West" und "Roberto Zucco" von Bernard-Marie Koltès. Auch in der Folgezeit sollten die Uraufführungen einen besonderen Stellenwert im Schaffen von Christian Stückl einnehmen: Für Vladimir Sorokins "Dysmorphomanie" am Schauspielhaus Wien erhielt der heute Vierzigjährige 1996 den Förderpreis "Kainz Medaille" der Stadt Wien.
Martin Walsers "Kaschmir in Parching" (1997), Daniel Calls "Herr Dainart", Martin F. Walls "Pest 1633" (1998), Alexander Wiedners "Sergej" (1998) und "Krumme Hunde" von Martin Bauck (1998) legen Zeugnis von der Vorliebe Stückls für Zeitgenössisches ab. Aber auch Klassiker faszinieren den Mann aus Oberammergau, und hier vor allem Shakespeare, 1994 sogar in Indien, wo es einen "Indischen Sommernachtstraum" gab. Im April 2000 wurde Christian Stückl zum Intendanten des Münchner Volkstheaters ernannt.

BESETZUNG
Inszenierung - Christian Stückl
Bühne und Kostüme - Marlene Poley
Musik - Markus Zwink
Jedermann - Peter Simonischek
Jedermanns Mutter - Christa Berndl
Guter Gesell / Teufel - Tobias Moretti
Buhlschaft - Veronica Ferres
Glaube - Sunnyi Melles
Tod - Jens Harzer
Marlene Poley
Bühne und Kostüme
Marlene Poley wurde 1964 in St. Johann in Tirol geboren. Ihr Studium absolvierte sie zwischen 1983 und 1988 in der Meisterklasse für Bühnenbild und Filmgestaltung an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien bei Erich Wonder und Axel Manthey. Während ihres Studiums war Poley unter anderem als Assistentin für den New Yorker Modeschöpfer Koos van den Akker tätig, wo sie auch Bühnenkostüme für Billy Idol, Bill Cosby und Stevie Wonder anfertigte.
In der Saison 1988/1989 wirkte sie als Assistentin für Bühnenbild und Kostüme an den Münchner Kammerspielen; dort lernte sie den Regisseur Christian Stückl kennen - Auftakt einer langjährigen und umfassenden Zusammenarbeit, die u.a. zu gemeinsamen Produktionen von Werner Schwabs "Volksvernichtung", Marie-Bernard Koltès' "Quai West" und Marlowes "Edward II." führen sollte.
Als freie Bühnen- und Kostümbildnerin blieb Poley den Münchner Kammerspielen auch nach 1989 verbunden, nahm daneben aber weitere Gastengagements an, so zum Beispiel an der Oper in Rouen.
Seit 1994 setzt sich Marlene Poley intensiv mit Malerei und Objekten auseinander und wirkt regelmäßig bei Ausstellungen in den Werkstätten 217 in München mit. 2001 war Poley bereits für die Bühnen- und Kostümgestaltung der Uraufführung von Felix Mitterers Stück "Michael Gaismayr" unter der Regie von Christian Stückl bei den Volksfestspielen Telfs verantwortlich.
Markus Zwink
Musik
Wie Christian Stückl stammt auch Markus Zwink, Jahrgang 1956, aus Oberammergau. Nach dem Abitur absolvierte er ein Studium der Schulmusik am Mozarteum in Salzburg und an der Musikhochschule in München. Die Begegnung mit Nikolaus Harnoncourt und seiner Auffassung der Historischen Aufführungspraxis geriet für Zwink zum Initialerlebnis, das seine Ästhetik und interpretatorische Arbeit fortan prägen sollte.
Seit 1984 ist er in seinem Heimatort musikpädagogisch und organisatorisch tätig: Er leitet mehrere Chöre. Bis 1997 wirkte er außerdem als Musiklehrer am Benediktinergymnasium Ettal, bevor er sich ganz der Vorbereitung der Passionsspiele 2000 zuwandte, als deren musikalischer Bearbeiter und Leiter er wesentlich zum Erfolg der Inszenierung beitrug.
Markus Zwink begleitet seit vielen Jahren Christian Stückls Theaterproduktionen; so wirkte er auch bei Aufführungen an den Kammerspielen München mit. Bei ihrem letzten gemeinsamen Projekt schrieb er die Musik zu Felix Mitterers Stück "Michael Gaismayr", das im Rahmen der Volksschauspiele Telfs im Sommer 2001 uraufgeführt wurde.

 

Gebrochene Figuren, hin- und hergeschoben: Ein Fernsehspiel

"Gebürtig", die Verfilmung von Robert Schindels gleichnamigem Roman, bleibt in der Papierform stecken.
Zu Beginn eine Brechung: Die Häftlinge, die vor den Baracken eines Konzentrationslagers stehen, verlieren auf dem eisigen Boden den Halt; als ein alter Mann nieder fällt, andere mitreißend, eilen die SS-Leute herbei - und helfen ihm auf. Dann gibt einer der Soldaten, reichlich unerwartet, dem Alten Feuer. Die Szene ist, wie sich bald herausstellt, freilich nur eine Filmszene, nicht bloß wortwörtlich: Es handelt sich um die Szene zu einem Film-im-Film. Ein weiteres Holocaust-Epos wird gedreht, der Blickwinkel verschiebt sich aber über sein Set hinaus, auf das eines mutigeren Unterfangens: Der Adaption von Robert Schindels Roman Gebürtig.
Schindel hat sich, gemeinsam mit Lukas Stepanik, selbst an dieser Aufgabe versucht: Verschiebung und Brechung sollen dabei Schindels assoziative Sprache ins Kino hinüberretten. Eine passende Idee, zumal Gebürtig vor allem von gebrochenen Figuren erzählt und einiges Originalmaterial hin- und herverschoben wurde, um die Vorlage auf Spielfilmlänge zu verdichten, was sich nicht nur in seltsamen Verkürzungen niederschlägt, sondern auch in einer Struktur, die weniger locker als launisch erscheint.
Heftige Schuldgefühle
In der Waldheim-Ära, 1987: Eine Journalistin (Ruth Rieser) versucht den Emigranten Gebirtig (Peter Simonischek) zu einer Reise ins mittlerweile verhaßte Wien zu überreden, um gegen einen ehemaligen KZ-Aufseher auszusagen, ein jüdischer Kabarettist (August Zirner) verdingt sich als Komparse in einem Auschwitz-Film. Dort trifft er auf einen Kulturjournalisten (Daniel Olbrychski, dessen Darstellung nicht nur an Synchronisationsproblemen leidet), der von heftigen Schuldgefühlen geplagt wird, weil sein Vater KZ-Arzt war. Gebürtig verschränkt ihre Schicksale, trudelt, oft beflissen, nur manchmal inspiriert zwischen Konfektion und höherem Anspruch, zwischen Traum und Wirklichkeit und droht ständig, wie die Häftlinge in der ersten Szene, dabei den Boden unter den Fußen zu verlieren.
Denn gerade weil sich Schindel und Stepanik redlich mühen, ihrem gewichtigen Thema das nötige Gewicht zu verleihen, will sich keine narrative Kohärenz einstellen. In den Dialogszenen wird hauptsächlich Wert auf griffige Einzeiler gelegt, der Rest verkommt zum bloßen Füllsel, während die - visuell selten einfallsreich gestalteten - Capricen des Plots zumeist verschiedenen Filmen anzugehören scheinen. Das soll durch eine oft schwerfällige Off-Erzählung wieder gekittet werden, doch die ist zwar literarisch, aber wenig filmisch. Genau das ist auch das größte Problem von Gebürtig: Zwar ist unverkennbar, daß hier das heikle Thema der Schuldfrage sorgfältig und vielschichtig beleuchtet werden soll, aber dieser Ansatz bleibt mit der Inszenierung im Format eines wenig provokativen Prestige-Fernsehspiels stecken.

 

Peter Simonischek Filmographie

Gebürtig (2002) .... Hermann Gebirtig
Blumen für Polt (2001) (TV) .... Karl Gappmayer
Liebst du mich (2000) (TV) .... Herbert Kranz
Vertrauen ist alles (1999) (TV) .... Dr. Blankenburg
Speer (1998) (TV)
Liebe deine Nächste! (1998) .... Selbstmörder
... aka Love Your Female Neighbour (1998) (Europe: English title)
... aka Love Your Neighbour! (1998)
"HeliCops - Einsatz über Berlin" (1998) TV Series .... Hagen Dahlberg
HeliCops - Einsatz über Berlin (1998) (TV) .... Hagen Dahlberg
Assignment Berlin (1998) .... Brumm
... aka Babyhandel Berlin - Jenseits aller Skrupel (1998) (Germany: TV title)
Kunst (1997) (TV) .... Yvan
Reise in die Dunkelheit (1997) (TV) .... Justus Vorbeck
Porträt eines Richters (1997) (TV) .... Kemp
Agentenfieber (1997) (TV) .... Mark Schneider
... aka Agentenfieber oder Wie betrügt man seine Frau? (1997) (TV)
Starkes Team - Eins zu Eins, Ein (1996) (TV) .... Berger
Tödliches Geld (1995) (TV) .... Bill Brodin
... aka Family of Lies (1995) (TV) (USA: US version)

Grube, Die (1995) .... Karl Kretschmer

Kein Platz für Idioten (1994) (TV) .... Hans
Tief oben (1994) .... Gasteiger
... aka Deep Above (1994)
Einsame Weg, Der (1991) (TV) .... Wegrat
Erfolg (1991)
... aka Success (1991)
Achte Tag, Der (1990) .... De Vries
... aka Eighth Day, The (1990) (International: English title: informal literal title)
Berg, Der (1990)
... aka Mountain, The (1990)
Veruntreute Himmel, Der (1990) (TV)
Sukkubus - den Teufel im Leib (1989)
... aka Den Teufel im Leib (1989)
... aka Sukkubus (1989)
Paura e amore (1988) .... Massimo
... aka Fürchten und Lieben (1988) (West Germany)
... aka Love and Fear (1988)
... aka Three Sisters (1988)
"Lenz oder die Freiheit" (1986) (mini) TV Series .... Lenz
Geblendeter Augenblick (1986) (TV)
Herrenjahre (1983) (TV)
Eine Glück und das andere, Das (1979) (TV)
"Derrick" (1974) in episode: "Tödliches Patent" 1990

 

Hörbücher

Franz Kafka
Peter Simonischek liest
Der Heizer
Ein Fragment
"Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte."
Eine Produktion des Sender Freies Berlin aus dem Jahre 1983.
Karl Ignaz Hennetmair: Ein Jahr mit Thomas Bernhard
Sprecher: Peter Simonischek, Karl I. Hennetmair
"Ein Jahr mit Thomas Bernhard" ist eine Skandalchronik wider Willen: Des Dichters Freund Hennetmair schreibt auf, was Thomas Bernhard gesagt hat, wenn er mit ihm nebst Gattin und Tochter beisammen war, beim Essen, Trinken und Fernsehen. Dieses Füllhorn der Indiskretion, das zugleich eine Quelle literaturhistorischer Information ist, wird hier vorgetragen von Peter Simonischek und Karl I. Hennetmair. Sie beraten sich, loben und kritisieren sich, granteln auch einmal, und bei allem geht eine Vertrautheit von diesen Stimmen aus, die die Freundschaft der beiden aufs Beste unterstreicht.

Hörbuch des Monats Dezember 1999

Ovid: Metamorphosen
Ovids Sammelgedicht "Metamorphosen" mit seinen rund 250 Verwandlungsgeschichten ist ein Grundbuch der europäischen Literatur- und Kunstgeschichte: ob die Liebesgeschichten des Zeus wie der Raub der Europa durch den göttlichen Stier oder die Eroberung Ledas in Gestalt eines Schwans, ob die Wundergeschichten um den neuen Gott Dionysos oder die Verwandlung keuscher Nymphen in Bäume, Bäche, Quellen - wir begegnen diesen und den meisten anderen der von Ovid bearbeiteten Stoffe in mannigfachen Variationen und oft zur Unkenntlichkeit trivialisiert bis heute ständig wieder. Zum Beispiel als Bildergeschichte bei Wilhelm Busch ("Die moderne Kirke"), als Filmstoff (der Kauf einer Frau, die einem anderen gehört, für eine Nacht) oder als Kinderlegende wie die vom Mann im Mond (Mondgöttin Cynthia versetzt den schönen Hirten Endymion in ewigen Schlaf, um nie seinen Anblick zu entbehren) - von der Malerei bis hin zu Picasso ganz zu schweigen. Gerhard Fink hat eine reichhaltige Auswahl aus diesen Geschichten in eine ungemein vitale, rhythmisch fließende und moderne Prosa übersetzt, die in Peter Simonischek einen kongenialen Sprecher gefunden hat. Simonischek ist ein renommierter Schauspieler, enthält sich aber jeder eigenen Gestaltungsmöglichkeit. So kommen diese spannenden, immer wieder in ihrer Vielfalt und psychologischen Raffinesse überraschenden Geschichten am besten zur Geltung. Das ist lebendige Erbschaft einer Vergangenheit, die uns mehr Auskunft über uns selber gibt, als uns manchmal lieb sein kann.
Ovid: Metamorphosen. 6 CDs. In Prosa neu übersetzt von Gerhard Fink. Sprecher: Peter Simonischek. Patmos Verlag 1999.

Kasmina Reza: "KUNST"
Deutschsprachige Erstaufführung
DIE BESETZUNG
Udo Samel Gerd Wameling Peter Simonischek
Nicht mehr als sieben Jahre hat dieses Stück gebraucht, um weltweit zu einem Theatermythos zu werden. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Vor einem Jahr feierte die Berliner Erfolgsinszenierung, die im Oktober 1995 ihre deutsche Erstaufführung an der Schaubühne erlebte, am Renaissance-Theater mit den "drei heiß-geliebten Erzkomödianten" (Radio3) ein triumphales Comeback.
Unvergeßlich: die drei Kerle auf dem blauen Sofa, feixend, weinend, zickend, triumphierend, niedergeschlagen, närrisch. Der Beginn oder das Ende einer wunderbaren Freundschaft; man weiß es nicht. Unvergeßlich: Udo Samels cholerische Exzesse, Gerd Wamelings Naivität und Niedertracht, Peter Simonischeks Litanei männlichen Leidens. Unvergeßlich: dieses Ballett der Blicke, diese Pausen, dieses Schweigen. Yasmina Rezas "Kunst" ist wieder da. Umgezogen von der Schaubühne ans Renaissance-Theater. Und man sieht: Dies Stück ist wie geschaffen für das Schmuckkästchen an der Hardenbergstraße. (...) Da sind sie nun wieder. Und sind doch andere. (...) Sie lassen sich mit fabelhafter Laune auf das Abenteuer ein, das darin besteht, die Routine zu besiegen und aus dem perfekten aufeinander Eingespieltsein einen frischen Lustgewinn herauszuholen (...). Nein, Reis werfen sie nicht im Renaissance-Theater, doch es ist ein Kultstück, das viele Zuschauer zum x-ten Male sehen.
Rüdiger Schaper. DER TAGESSPIEGEL
Wenn es wahr ist, daß gute Freunde nicht altern, so stimmt das hier: sie werden ein bißchen reifer, und reifer bedeutet nicht gesetzter oder womöglich langweiliger. Die Inszenierung hat, bei aller Deftigkeit, an Schärfe, kontrollierter Komik gewonnen und für die einzelne Rolle bedeutet das zuweilen auch: an Nuancenreichtum, an Farbe. (...) Zum Schluß, beim Applaus, haben sich Gerd Wameling und Udo Samel auf eine Bank gestellt, und sie waren genauso groß wie Peter Simonischek. Sie sind alle drei vorzüglich. Bei Wameling sticht jetzt weniger die Delikatesse, mit der er das Bild behandelt, hervor, als sein erlangen nach Solidarität in Sachen
Kunsturteil - man will nicht allein dastehen, wenn man eine Sache gut findet und etwas unsicher ist. Udo Samel kann wunderbar Schadenfreude und Häme herauslassen. Aber dieser Typ, der immer wieder zu homöopathischen Tropfen langt, giftet so abgrundtief aus einer Eifersucht heraus, einer Eifersucht auf das Bild, das an seiner Stelle geliebt sein könnte. Und beide, Wameling und Samel, sind großartig, wo sie Selbstgefälligkeit und intellektuelle Herablassung versprühen. Mehr als bei der Premiere vor fünf Jahren hat der dritte im gestörten Bunde noch weitere Nuancen gewonnen. Peter Simonischek entdeckt in der Figur und ihrer Durchschnittlichkeit etwas tief Menschliches, einen Einsamen, dem es nicht um absolute Wahrheiten, sondern um die Bewahrung von Freundschaft geht. Felix Prader hat diese kleine Komödie wie mit dem Zirkel inszeniert. Jetzt scheinen die Figuren noch dichter zusammen, auch dichter ans Publikum gerückt. Selbst noch in ihren Blicken und Blickwechseln waltet eine sublime Choreographie. Und die Geschichte hat ein surreales Air. Die Inszenierung ist keine Antiquität aus der alten Schaubühne. Sie besitzt eine erstaunliche Frische. Nicht um das bewußte Bild dreht sich alles, sondern um die Brüchigkeit unserer festesten Bindungen. Der ganze Witz wäre nur halb so schön, wenn er nicht hin und wieder auch etwas Melancholie durchblicken ließe. Ein virtuoser Schauspieler-Spaß für alle, die ihn schon am Kurfürstendamm gehabt haben und für alle, die ihn das erstemal hier lachend erleben können.
Peter Hans Göpfert. RAOI03

 

Peter Simonischek im Diagonale-Eröffnungsfilm 'Gebürtig'.

Mit dem Film "Gebürtig" wird am Montag die "Diagonale 2002" eröffnet. Star Peter Simonischek war für die Dreharbeit erstmals in New York.
VON LUDWIG HEINRICH
Mit "Gebürtig" wird heute im Grazer Opernhaus die "Diagonale" eröffnet. Autor Robert Schindel inszenierte den Film gemeinsam mit Lukas Stepanik. Der Steirer Peter Simonischek verkörpert Hermann Gebirtig, erfolgreicher Komponist in New York. Eines Tages wird er überredet, in Wien in einem Kriegsverbrecherprozess auszusagen. "Gebürtig" ist für Schindel ein "poetischer Akt" gegen das Vergessen.
Sie haben ob Ihrer Burgtheater-Auslastung selten Zeit fürs Kino.
PETER SIMONISCHEK: Ja, und dann werden bei uns ja nicht so viele Kinofilme gemacht. Da muss man froh sein, wenn man eine so tolle Rolle kriegt. In der mich die Regisseure gegen jegliches Klischee besetzt haben.
Zwei Regisseure - funktioniert das gut?
SIMONISCHEK: Ich hatte Bedenken, aber umsonst. Wollte ich etwas über die Beweggründe der Figur wissen, ging ich zu Robert Schindel, der für die Psychologie verantwortlich war. Und das Technische erklärte mir Lukas Stepanik.
Für die Dreharbeiten waren Sie erstmals in New York?
SIMONISCHEK: Ja, denn als Theatermann kommt man ja eher nach Deutschland oder Frankreich. Hauptdrehort war eine schöne Wohnung in Brooklyn mit gutem Blick auf die - alte - Skyline. Schindel und Stepanik entschlossen sich, die Twin Towers im Film zu lassen, quasi als Zeitdokument.
Der Sommer naht und damit die Salzburger Festspiele. Wissen Sie schon, wie Regisseur Christian Stückl die "Jedermann"-Neuinszenierung anlegen wird?
SIMONISCHEK: Das Spannende an der Sache ist, dass man überhaupt noch nichts weiß, außer, dass das Podium näher zum Dom rückt, sodass man vom Dom aus auftreten kann. Mit dem Stückl hab¿ ich mich getroffen, um zu sehen, ob man einander riechen kann. Mit positivem Ergebnis.
Und wie ist das bei Partnerin Veronika Ferres, der Buhlschaft?
SIMONISCHEK: Meine Partnerin Veronica Ferres kenne ich noch nicht persönlich. Mitgeteilt wurde mir, dass die Karten weggehen wie warme Semmeln, wie bei einem Boxkampf. Sicherheitshalber habe ich mir in den Vertrag ein Kartenkontingent schreiben lassen, damit ich wenigstens meine Familie reinbringe.
Ihre nächste Burg-Premiere findet im Arsenal statt?
SIMONISCHEK: Richtig, es ist die Uraufführung von Albert Ostermaiers "Letzter Aufruf" am 27. April. Spielt nur am Flughafen und handelt von einem Drehbuchautor, der sich entschlossen hat, ausschließlich dort oder in Airport-Hotels zu leben. Mit der Außenwelt will er nichts zu tun haben. Wenn ihm danach zumute ist, setzt er sich in eine Maschine und fliegt zum nächsten Airport-Hotel. Das Ganze ist für mich "Lyrik in Bild und Ton".
Regisseuse ist Andrea Breth. Wie ist die Arbeit mit ihr?
SIMONISCHEK: Ich kenn' sie ja schon von der Berliner Schaubühne. Sie lebt fürs Theater, lebt im Theater, ist eine Besessene, eine ernsthafte Forscherin und manchmal eine wunderbare Reiseleiterin. Nachdem sie das Theater so in den Mittelpunkt ihres Lebens gerückt hat, ist sie eigentlich eine verwandte Seele der Hauptfigur in "Letzter Aufruf".
Hin und wieder machen Sie noch einen Ausflug nach Berlin, um dort den Megahit "Kunst" mit Udo Samel und Gerd Wameling - jetzt am Renaissancetheater statt an der Schaubühne - zu spielen. Damit halten Sie fast schon bei 300 Vorstellungen?
SIMONISCHEK: Ja. Und besonders freue ich mich, dass wir damit im September fünf Mal am Wiener Akademietheater gastieren.

 

"Diagonale": Star auf Heimat-Besuch

Montag Abend wurde die 5. "Diagonale" in Graz eröffnet. Bühnenstar Peter Simonischek nutzte den Anlass zu persönlicher Spurensuche.
VON FRIDO HÜTTER
In Graz gerät man leicht in Quartiernot. Als die "Diagonale" 1998 erstmals in Graz Station machte, blieb den beiden Intendanten Christine Dollhofer und Constantin Wulff nach etlichen Fehlschlägen nur der Gang zu den Bühnen Graz: "Ist die Oper dafür der richtige Rahmen für unser Programm?", fragte sich das dynamische Duo damals fast bang.
Großereignis. Montag Abend war man zum fünften Mal im wie immer vollen Haus am Ring. Offenkundig ist die "Diagonale"-Eröffnung zu einem gesellschaftlichen Großereignis geworden. Und auf die Frage, ob der Rahmen richtig sei, lautet die Antwort: Est, est, est!
Gefehlt. Auch die beiden haben sich offenbar an ihren alljährlichen Opernauftritt gewöhnt: "Graz hat sich als Treffpunkt der heimischen Filmbranche bewährt", sagten sie in ihrer Eröffnungsrede. Auffallend: Kein Kulturverantwortlicher des Bundes war anwesend, Kunststaatssekretär Franz Morak war aber quasi entschuldigt, da er zurzeit an einer Kulturkonferenz in Mexiko teilnimmt.
Stagnation. Sehr berechtigt kritisierten Dollhofer & Wulff die "Stagnation und Tatenlosigkeit der Bundesfilmförderung", die auch auf die beispiellosen Festivalerfolge österreichischer Filme in den letzten Jahren nicht reagiert hat. Für ihre Festivalheimat hatten sie gestern nur Rosen parat: "Graz und die ,Diagonale¿: Das ist von einem anfänglichen Pakt weniger Optimisten zu einer von allen Seiten mit Ethusiasmus vorangetriebenen Kooperation geworden."
"Gebürtig". Eröffnet wurde mit "Gebürtig", einem Film nach dem gleichnamigen Bestseller von Robert Schindel, der der auch nach Graz gekommen war. Regie führten Lukas Stepanik und der Autor selbst. Peter Simonischek, Burg-Grande und Darsteller der Titelrolle in "Gebürtig", war mit seiner Frau Brigitte Simonischek-Karner an die Mur gereist: "Meine Frau hat gemeint, eigentlich hätte ich ihr meine Heimathauptstadt noch nie wirklich gezeigt. Das werden wir heute ausführlich nachholen."
Oststeirer. Peter Simonischek, mit dem wir am Montag ein ausführliches Interview brachten, ist gebürtiger Oststeirer. Doch schon 1956 verließ er seinen Heimatort Markt Hartmannsdorf, um für neun Jahre ins Stiftsgymnasium St. Paul im Lavanttal zu übersiedeln. Mit Kärnten ist er auch durch Heirat verbunden: Seine Frau Brigitte, derzeit an der Josefstadt, stammt aus Völkermarkt.
Ohrfeige mit Folgen. Nach zwei kurzen Jahren des Architekturstudiums in Graz begann ebenda die steile Karriere Simonischeks. Der Absolvent der Hochschule für Musik und darstellende Kunst bekam seine ersten Chancen im Grazer Schauspielhaus. Eine kleine Episode ist ihm heute noch peinlich: Bei der Hauptprobe zu "Irma la Douce" ohrfeigte er (als Zuhälter) seine Partnerin Gerti Pall so überzeugend, dass diese einen Nasenbeinbruch erlitt.
Große Karriere. Ein Schauspielsenior nahm den Eleven wohlwollend zur Seite und belehrte ihn: "Wenn im Drehbuch steht: Othello ersticht Desdemona, dann wird diese Rolle auch bei der nächsten Aufführung von derselben Darstellerin gespielt." Dazwischen liegt eine große Karriere des 56-Jährigen: Simonischek wurde an Peter Steins legendärer Schaubühne zu einem Liebling der Berliner. Er spielte in zahlreichen, meist deutschen TV-Filmen. Und ab heuer ist der der "Jedermann" auf dem Salzburger Domplatz.
Großer Andrang. Die Grazer Oper ist kein Neuland für den prominenten Mimen: "Ich war als Kind mit meiner Oma unzählige Male hier, eigentlich wurde hier der Keim für meine Theaterbegeisterung gelegt." Begeisterte Aufnahme findet die "Diagonale" heuer auch bei den Journalisten: Rund 50 internationale Filmjournalisten - aus Belgrad und Paris bis Tampere - und über hundert Berichterstatter aus Österreich haben sich akkreditiert.
Jurymitglieder:

 

Ein Schwieriger, der schön einfach ist

Bravos für Peter Simonischek als Hugo von Hofmannsthals "Der Schwierige" am Zürcher Schauspielhaus. Er ist der Abend.
Von Peter Müller
Wien liegt an der Elbe. Oder an der Spree, vielleicht auch an der Isar oder Wupper. Oder gar an der Limmat. Aber Wien liegt bestimmt nicht an der Donau. Dieter Giesings Inszenierung nimmt Hofmannsthals Komödie, die als so typisch österreichisch, als letztes Juwel der im Ersten Weltkrieg untergegangenen K.-u.-k.-Monarchie gilt, jedes Lokalkolorit. Puderstaub und Veilchenduft, alles altväterische Behagen sind weggepustet. Nur schon durch die Besetzung, in der Österreich quantitativ kaum vertreten ist. Entzauberung der alten Feudalgesellschaft ist angesagt. Zu sehen ist ein Exorzismus.
Dafür gibt es Gründe. Zwar ist "Der Schwierige" das einzige Stück Hofmannsthals, das in der Gegenwart spielt. Allein, schon bei der Münchner Uraufführung von 1921 war diese Gegenwart hoffnungslos Vergangenheit. Was Hofmannsthal mit der finalen Verlobung des Grafen Hans Karl Bühl und der Komtesse Helen Altenwyl, der Vereinigung des Besten, das diese Aristokratie zu bieten hat, als Zukunft behauptet, ist längst zum Perfekt geworden. Das Wien dieser Komödie ist ein Niemandsland.
Ein Brachialkonzept
So sieht es auf der Pfauenbühne auch aus. Kahl und leicht surreal. In Graf Bühls Arbeitszimmer liess Bühnenbildner Rolf Glittenberg riesige Landschaftsbilder schräg hängen. Vergeblich versucht der Schwierige, der nichts Schiefes ertragen kann, sie zurechtzurücken. Die Unordnung ist fix, die Welt aus dem Lot. Und ein Zwielicht liegt über ihr, das die Gesichter bald verschattet, bald gleissend erhellt. "Alle diese Menschen, die Ihnen hier begegnen, existieren in Wirklichkeit gar nicht mehr", weiss Baron Neuhoff, dessen deutschem Willen zur Macht die Zukunft gehört, "das sind alles nur mehr Schatten." Bei Marianne Glittenberg, der Kostümbildnerin, tragen die Toten die aktuelle Mode. Nur ja keine Nostalgie aufkommen lassen.
Das leuchtet im Kopf ein und schneidet doch ins Herz. Giesings Brachialkonzept, den "Schwierigen" zu entwienern, bringt die Komödie aus ihrer meisterlichen Balance. Mit der Gemütlichkeit treibt er dem Adel auch den wehen Charme aus. Fast alle, die den Schwierigen, diesen fragilen Leuchtturm aus alten Tagen, wie die Motten umschwirren, sind plump und laut. Die Konversation, die sie über weite Distanz führen müssen, wird zum Schreien. Was perlen sollte, knallt. Die Pointen kommen an, aber Hofmannsthals wundersame Sprachmelodie ist kaputt.
Der teutonische Baron Neuhoff (Matthias Scheuring) muss sich darum in diesem Wien nicht fremd fühlen. Graf Bühls Schwester Crescence, die dem schwierigen Bruder den Auftrag gibt, bei der Helen für ihren Stani zu werben, wirkt bei Anne-Marie Kuster nicht nur energisch, sondern vulgär. Söhnchen Stani (Christian Hockenbrink) scheint stracks einer Kadettenanstalt entlaufen. Und den Baron Hechingen, der den Schwierigen bittet, seine Ehe mit der frustrierten Antoinette zu flicken, spielt Felix von Manteuffel als preussischen Junker, der lärmig durchdreht. Nur die alten Diener (Jürgen Cziesla und Ingold Wildenauer) wissen noch um die Kraft der Diskretion; mit einem angedeuteten Lächeln, einem knappen Satz erzählen sie Lebensgeschichten.
Und doch, bei allem Schmerz um Verluste, ist der Abend sehenswert. Dank Peter Simonischek. Sein Graf Bühl, der Schwierige, ist wunderbar. Der gebürtige Grazer braucht kaum zu österreichern, um Hofmannsthals Ton zu treffen. Ganz einfach scheint das. Ein kurzes Anheben, Stocken oder Aufrauhen der Stimme, ein leichtes Näseln, ein Anflug von Ironie, und schon sind wir im Bann dieses Anti-Helden. Auch mit den Gesten ist der Gast von der Berliner Schaubühne sparsam. Aber wie er ein Bein übers andere schlägt, wie er die Hände in die Hosentaschen steckt, in einem Buch blättert oder hinter dem weissen Tüllvorhang auf die Strasse schaut, macht die Skepsis klar, die der Graf gegen alles Handeln und selbst Reden hat.
Am liebsten schweigt der Graf, und er tut es eindrücklich. Aber weil er nicht Molières Misanthrop ist und in die soziale Wüste ziehen mag, ist das Reden unvermeidlich. Und damit "die odiosen Missverständnisse", die Hofmannsthal von der alten Wiener Gesellschaftskomödie übernommen und geadelt hat. "Ich mag diese indiskrete Maschine nicht", sagt der Graf, und dann muss er doch telefonieren. Simonischek macht daraus ein komisches Kabinettstück. Allein schon, wie er das Wort "Empfindung" variiert, um sich dem Baron Hechingen vielleicht verständlich zu machen, lohnt den Abend.
Alles Zielgerichtete von Handeln und Reden ist Graf Bühl fremd. "Der Mann ohne Absichten", wie Hofmannsthal sein Lustspiel erst nennen wollte, ist im Grunde ein Kind. Das hat der neidische Baron Neuhoff schon richtig erkannt. Dafür brauchte er nicht einmal zuzusehen, wie Simonischeks Schwieriger eine Musikdose in Gang setzt, die er im Schreibtisch versteckt hält. Oder wie er zu einer raren weiten Geste ausholt, wenn er sich auf einen Clown im Zirkus freut. Oder wie er, im Salon der Altenwyls, ein Glas auf der Nase balanciert - bis es die Helen grade noch auffangen kann.
Frauen, Ehe und keine Rettung
Nicht für Clownerien ist er da, er hat ja ein "Programm". Eine Ehe kitten und eine Ehe stiften soll er. Und das ausgerechnet bei den beiden Frauen, die ihn selbst so gegensätzlich anziehen. In den meisterlich inszenierten Szenen mit Simonischek haben Julia Köhler und vor allem Isabelle Menke starke Momente. Menke, wohlbekannt vom Neumarkt-Theater, gelingt es, wortlos das Elend der unglücklich verheirateten Antoinette Hechingen anschaulich zu machen. Den Oberkörper hat sie qualvoll verdreht im Stuhl, aber ein Bein kokett ausgestreckt. Endlich schiebt sie alle Zweifel beiseite und holt sich gierig einen Kuss. Was den verwirrten Grafen mechanisch zum silbernen Zigarettenetui greifen und hinter dem Rauchschleier auf Distanz gehen lässt.
Julia Köhler als Helen hat es schwerer. Sie kann ihre schöne Seele nur in Blicke legen. Einige treffen ins Schwarze. Vor allem am Ende, als sie dem Schwierigen erklären muss, dass er sie liebt. Da wird sogar die blasse Blonde richtig gierig. So sehr, dass der überrumpelte Graf schon wieder zu zögern anfängt und sich ratlos mit der Hand übers Gesicht fährt. Anders als Hofmannsthal zu glauben vorgab, wird die Ehe, dieser vermeintliche Ausdruck von Dauer und höherer Notwendigkeit, die marode Gesellschaft nicht retten. "Gratulier sie mir!" sagt schliesslich der Graf zur Schwester Crescence. Es tönt wie ein Bellen.
Copyright © TA-Media AG

 

Welten-Flughafen voll Gangster und Models

Andrea Breth hob auf der Probe-Bühne des Burgtheaters im Arsenal Albert Ostermaiers "Letzter Aufruf" aus der Taufe: Prototypen, Figuren, die zu deutlich als beschädigte Ware etikettiert sind.
VON BARBARA PETSCH
Sodom und Gomorra! Wenn es hinter den polierten Kulissen unserer Airlines wirklich so zugeht, müssen wir froh sein, daß wir schon so oft heil und sicher angekommen sind. Ein Glück, sonst wären wir nicht hier! Aber war es ein Glück, daß wir da waren? Bei der ersten Präsentation der Burgtheater-Probebühne als Spielort. Mit "Letzter Aufruf" vom hoch gehandelten 35jährigen deutschen Autor Albert Ostermaier. Hochkarätig auch das Team: Andrea Breth inszenierte, Martin Zehetgruber gestaltete die klaustrophobische Szene - und die Schauspieler gaben, das darf vorausgesetzt werden, ebenfalls ihr Bestes.
Ostermaiers Stück spielt an jenem Schauplatz, wo der gehetzte, genervte, moderne Mensch gezwungenermaßen zur Ruhe kommt: auf dem Flughafen, vor dem Check-in-Schalter, vor dem Gate. Dort verschwimmen Dichter, gedungener Mörder, Model, Pilot und Emigrant zu einem undurchdringlichen, unverbindlichen Flughafen-Gesicht. Würden die Leute nicht einzeln hervortreten, ein Stück ihrer Rollen im wirklichen Leben vorspielen, samt bösen oder frivolen Nebenrollen, einen Hauch ihres Geheimnisses lüften, sie blieben unkenntlich - wie eben auf dem Flugplatz, aber nicht im Theater.
Das Konzept erinnert an Botho Strauß, die Konstellationen manchmal an Handke. Und doch ist etwas anders: Vielleicht die Verwandlung von Popkultur in Sprache, die sich Ostermaier anders als Strauß oder Handke nicht erobern mußte - deren Bilder seiner Generation selbstverständlich sind.
Ostermaiers Text vermittelt die Lust an der kunstfertigen Montage der Worte, die uns umgeben, gleich, ob es Begriffe oder Sprachmüll sind. Und er läßt sich weder von dem einen noch von dem anderen hinreißen zu Erklärung oder inflationärem Geschwätz. Aus Gerede schöpft er seine Poesie. "Letzter Aufruf" ist ein in tausend Scherben zersprungener Spiegel, jede einzelne Scherbe spiegelt das Ganze, die Welt.
Gut möglich, daß es Breths Text-Zergliederung gewesen ist, die diesen Kosmos erst erkennbar machte. Aber, ehrlich gesagt, weniger Deutlichkeit, denn um die geht es hier vielleicht gar nicht, wäre besser gewesen. Statt dessen hätte vermutlich mehr von jenem Witz wohlgetan, der das Premieren-Publikum am Samstagabend selten, aber erleichtert auflachen ließ. Klar, Peter Simonischek und Wolfgang Michael sind zwei Darsteller, die jeden Bösewicht, ob 100, 300 Jahre alt oder aus der Jetztzeit, spielen können. Johannes Krisch forciert dagegen wieder einmal zu sehr als gescheiterter Popstar, der sich als DJ und mit Drogenhandel durchbringt.
Andrea Clausen vermag jede Liebesgeschichte rührend zu erzählen. Sabine Haupt und Johannes Terne illustrieren plastisch, was selbst Vielflieger meistens versäumen dürften. Dennoch: Alle diese Heimatlosen, Desolaten, Verrückten, Kriminellen, auf der Rolltreppe, im Hotel, an der Bar und in der Toilette kommen einem in aller Virtuosität ihrer Ausführung über weite Strecken peinigend bekannt und blutleer vor. Das war es wohl kaum, was Ostermaier im Sinn hatte.
29.04.2002 Quelle: Print-Presse

 

Im Cineplex-Theater-Center: Ostermaiers Airport-Stück "Letzter Aufruf" auf der Probebühne des Burgtheaters im Arsenal

Von Ronald Pohl
Die Burg hat eine Expositur im Arsenal eröffnet - dort, wo ansonsten nur geprobt wird. Albert Ostermaiers Airport-Stück "Letzter Aufruf" wurde von Regisseurin Andrea Breth als Kinolehrstück uraufgeführt: eine müde Hommage an chromblitzende Thriller.
Wien - Das Theater unterhält zum Tonfilm das von Neid erfüllte Verhältnis der erstgeborenen Schwester: einer Jungfer mit Runzeln im Gesicht, die ihr Leben im elterlichen Salon freudlos hinbringt, während die Jüngere, die vor auch schon wieder achtzig Jahren das Sprechen gelernt hat, von Kostümball zu Kostümball eilt. Wird es der Mauerblume zu bunt, plündert sie den Schminkkorb der jungen: Klatscht sich verspiegelte Gläser ins Gesicht; schneidet ihr szenisches Gewand in lose Streifen; übt vor dem Spiegel die Miene des eiskalten Engels ein.
Sie donnert sich technisch auf und feiert ihren beschämenden Mummenschanz als die entkrampfende, finale Erlösung - nur auf der Bühne, die dieses Mal eine Probebühne ist und auf dem Areal des Wiener Arsenals zur Probe liegt, steht sie ganz nackt und in Hemdsärmeln da.
Albert Ostermaiers Letzter Aufruf ist eine wortreich gestammelte Liebeserklärung an die Filmindustrie; an mysteriöse Auftragskiller in Anthrazit-Anzügen, die sich auf einem Airport herumtreiben, weil die Flughäfen nun einmal Provisorien sind, Wartezimmer mit keiner Aussicht, kurzen Aufenthaltsgenehmigungen, verspiegelten Wänden und pneumatischen Türen.
Was Ostermaier (35) dazu einfällt, ist vielerlei, doch nichts Ganzes. Er, der die schönsten Gebrauchsverse der deutschen Industriegesellschaft zu schreiben imstande ist, die gehobene Beat-Lyrik für den deutschen Techno-Stammtisch, chromblitzende Oden an die Chillout-Zonen dieser Welt, setzt für die Uraufführung von Letzter Aufruf das ganze Theater, dem er doch zuarbeitet wie kein anderer Autor seiner Generation, aufs Spiel.
Er hobelt seine Szenen klein. Zugleich füllt er sie mit lyrischen Aromastoffen. Ostermaier bedichtet alles: die Gepäckstücke auf Förderbändern, die Strumpfhosen von Flugbegleiterinnen, die Einsamkeit in den Toilettenräumen. Ostermaier ist der Barde der Leistungsgesellschaft und ihrer gebrauchsfertigen Monumente. Zugleich möchte er aber auch einen Thriller schreiben, mit Willem Dafoe in der Hauptrolle, mit pockennarbigen Auftragskillern und lasziv unnahbaren Frauen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre wohlgeformten Hostessen-Beine in die Luft strecken. Dieses Stück ist ein klarer Fall von Cinema-Workout; ein mürber Appetitanreger für das nächste Multiplex-Center in Ihrer Umgebung.
Bühnenbildner Martin Zehetgruber hat im Arsenal nichts unversucht gelassen, Ostermaiers Filmskript auf Cinemascope-Format zu trimmen. Die Zuschauer sitzen inmitten einer rundumlaufenden Blechschachtel und können sich wie Syndikatsbosse in ihren Fauteuils nach allen Seiten drehen. Schiebetüren eröffnen den Blick auf eingefrorene Gesten und kalte Bilder. Das Theater simuliert ein bisschen die Businesslounge - den Amüsierbetrieb der Kulturindustrie, die um Ihre zerstreute Aufmerksamkeit bittet.
Die Story lohnt keine nacherzählende Mühe. Als wäre ein Skriptschreiber mit den losen Zetteln seines Drehbuchs vor die Antriebsdüse eines startenden Flugzeugs gelaufen. Leo (Peter Simonischek), ein Wotan der Airport-Malls, lernt beim Haare-Anklatschen am Klo einen drogenkranken Russen-Mafioso (Wolfgang Michael) kennen: Michael mümmelt an den Ostermaier-Sätzen herum wie an Lakritze.
Leos Gefährtin Tita (Andrea Clausen) will ihren Gefährten um die Ecke bringen; ein Flugkapitän möchte mit seiner Geliebten Schluss machen; ein F.A.Z.-lesender Businessmakler (Gerd Böckmann), der sich als "Dichter" ausgibt, tötet auf Bestellung - aber erstens die Falsche, und zweitens stöpselt er zu jeder Gelegenheit seinen Laptop ein, als müsste er den Kursverfall des Yen zwischen zwei Mordtaten dringend analysieren.
Ein zäher Schleier liegt über den Untoten, die in ihre Mikroports verträumt hineinmurmeln, als sprächen sie börsennotierte Kurse zur Nacht. Bisher war Regisseurin Andrea Breth als Belebungskünstlerin der gefürchtetsten Klassiker-Scharteken aufgefallen. Sie ist ihrem Klischee davongelaufen - mitten hinein in einen Kinosaal, den Riesenbecher mit Puffreis bis obenhin gefüllt. Was für eine Verirrung; was für eine falsche Destination.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 4. 2002)

 

Hektik in Zeitlupentempo

Uraufführung von Albert Ostermaiers "Letzter Aufruf"
Ein großartiges Plädoyer dafür, die Probebühnen im Arsenal zur zusätzlichen Spielstätte des Burgtheaters zu erklären, ist mit der Uraufführung von Albert Ostermaiers Flughafenstück "Letzter Aufruf" gelungen.
Martin Zehetgruber, derzeit wohl führender Bühnenbildner weit und breit, zeigt, wie wichtig es für heutiges Theater ist, genormten Theaterraum zu verlassen, um neuen Theaterraum zu schaffen. Und dieses Raumgefühl ist es auch, das man hauptsächlich von "Letzter Aufruf" mit nachhause nimmt.
Er hat in eine riesige Halle ein metallisches Kreisrund eingebaut. Das Publikum sitzt auf Drehsesseln im Kreis, in dessen Mittelpunkt die als Informationsschalter getarnte Technik (stimmige Musik: Bert Wrede) residiert. Rundherum sind Bühnensegmente angeordnet, die einen auch raumübergreifenden Spielverlauf ohne Pause und Umbauten ermöglichen.
Flüchtige Begegnungen
Die Metallwände geben jeweils nur Blick auf jene Räume frei, die gerade bespielt werden. Ein Waschraum, eine Halle mit Rolltreppen und Kaffeeautomat-Ecke, eine Bar, Aufzüge, ein Gepäck-Förderband. Diese Schauplätze für flüchtige Begegnungen und rätselhafte Gespräche wirken bestechend echt und sind doch kunstvoll angelegt und ausgeleuchtet.
Regisseurin Andrea Breth wird mit ihrem Eröffnungsbild der flirrenden Atmosphäre des Airports gerecht. Choreografierte Hektik, in Zeitlupentempo zerlegt: Geschäftemacher, Passagiere und Flughafenpersonal ziehen von einer Rolltreppe zur nächsten. Schon hier baut sie eine Figur ein, die so nicht im Text steht. Ein dunkelhäutiger Passagier wird mit verklebtem Mund abgeführt. Später werden noch andere "unliebsame" Flughafengäste auf Asylanten- und Abschiebungsproblematik aufmerksam machen.
Worum es geht
Worum es in "Letzter Aufruf" geht, ist schwer zu beschreiben, das Stück bleibt - ob man es gelesen hat oder nicht - verwirrend. Breth erhebt den so flüssig geschriebenen Text zum Kunst-Stück; selbst Szenen, die bei Lektüre klar scheinen, werden durch spielverweigernde Kompositionen zum Rätsel.
Am ehesten hilft die Vorstellung, sich in bereits verfilmten, aber noch nicht zusammengefügten, vielleicht auch nur gedachten Krimi-Szenen zu befinden, die ein Drehbuchautor (souverän: Peter Simonischek) während des Stücks ersinnt - das würde auch die fehlenden Verzahnungen erklären.
In Erinnerung bleiben: Wolfgang Michael als durchgeknallter Russe, der im Waschraum seinen Flug verpasst. Johannes Krisch und Jana Becker als ausgeflipptes DJ- und Modelpaar; Sabine Haupt, die sich mit viel Sex als Stewardess einen Piloten (Johannes Terne) angelt; Erden Alkan als verlorener Staatenloser, Benno Ifland als herumgeisternder, zwielichtiger Fotograf, Gerd Böckmann als undurchschaubare Dichterfigur, Andrea Clausen in kunstvollen Mehrfachrollen.
Den Sieg des Abends trägt Zehetgruber davon: Das Ensemble tritt zum Boarding an, das Bühnensegment gerät per Videoprojektion zum weiten Feld mit startendem Flugzeug. Zehetgruber hat den Raum gesprengt. Ungläubig starren wir dem Flugzeug nach - und stehen bereits im Freien.
Caro Wiesauer